75 Jahre Pippi Langstrumpf – Was wir von unseren KindheitsheldInnen lernen können

„Ich versuche nicht die Kinder, die meine Bücher lesen, zu erziehen. Das Einzige was ich hoffe zu wagen ist, dass meine Bücher ein bisschen dazu beitragen, in ihnen eine menschenfreundliche, lebensbejahende und demokratische Grundhaltung zu wecken oder zu festigen.“ – Astrid Lindgren

Wir versetzen uns gedanklich zurück in das Jahr 1945 – die ersten Assoziationen, die uns dabei durch den Kopf schießen, sind Krieg, Zerstörung und Dunkelheit.

Kaum zu glauben, dass in dieser düsteren Zeit im nicht weit entfernten Schweden ein literarischer Schatz geschaffen wurde. Ein Kinderbuch welches auch heute noch, 75 Jahre später, ein vertrauter Bestandteil in den Regalen vieler Familien ist. „Mama, erzähl mir von Pippi Langstrumpf“ habe ich damals, ebenso wie meine Freunde, begeistert als Gute Nacht-Geschichte verlangt, ohne zu wissen, dass ein kleines Mädchen namens Karin Nyman vor vielen Jahren dasselbe Anliegen an ihre Mutter Astrid Lindgren hatte. So begann Astrid im Jahre 1941 zu erzählen und immer mehr aufregende Geschichten zu erfinden, anfangs nur für ihrer Tochter, doch mit der Zeit wuchs die Anzahl der kleinen Zuhörer, die bei Pippis Abenteuern dabei sein wollten.

Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.

Die große Begeisterung der Kinder veranlasste Astrid Lindgren drei Jahre später, die Geschichten von Pippi aufzuschreiben und sie ihrer Tochter zum zehnten Geburtstag zu schenken. Ursprünglich frei von schriftstellerischen Ambitionen, entschied sie sich dennoch eine Kopie an einen schwedischen Verlag zu schicken und beendete das Manuskript mit den scherzhaften Worten „…in der Hoffnung, dass sie nicht das Jugendamt alarmieren.“ Ein durchaus berechtigter Gedanke, denn als oberstes Gebot der damaligen Kindererziehung galt Gehorsamkeit. In diese Welt spazierte Pippi hinein, die vor Stärke, Autonomie und verrückter Ideen nur so strotzt. Hunger und Krieg – all das, was ihre ersten kleinen LeserInnen erfahren mussten, war ihr unbekannt.

Der Verlag lehnte zuerst ab. Ein Jahr später veröffentlichte er das Buch jedoch in überarbeiteter Fassung, in der Pippi ein wenig an Aufmüpfigkeit verlor und an Liebenswürdigkeit gewann.

Mit der Veröffentlichung wurde eine nicht enden wollende Welle der Begeisterung in zahlreichen Kinderzimmern ausgelöst und machte Astrid Lindgren nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der bekanntesten Kinderbuchautorinnen.

Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar.

Ohne Eltern zwar, dafür aber mit ihrem Pferd namens “Kleiner Onkel” und dem Affen “Herr Nilsson” als Mitbewohner, lebt Pippi ein fröhliches und unkonventionelles Leben in der windschiefen Villa Kunterbunt. Sie geht nicht in die Schule, stemmt des Öfteren ihr Pferd in die Luft und klettert mit ihren Freunden Tommy und Annika auf Möbel – kurz gesagt tut sie all das, worauf sie gerade Lust hat und lebt fernab der “normalen” Gesellschaft. Damit trifft sie auf Begeisterung bei den Kindern, die sich fragen warum sie um acht ins Bett müssen und nicht unter den besorgten Blicken der Eltern auf Bäume klettern dürfen. Für Generationen von Müttern und Töchtern spielt Pippi ebenso eine wichtige Rolle in der Emanzipation. Ihre unheimliche Stärke und Selbstbestimmtheit revolutioniert die weibliche Märchenfigur, die sich meist dadurch auszeichnete eine besonders schöne Prinzessin zu sein, die darauf wartet von holden Prinzen gerettet zu werden. „Pippi Langstrumpf war mein Mädchen“ sagte einst Michelle Obama in einem Interview auf die Frage nach der Heldin ihrer Kindheit. Mit ihrem Mut und ihrer Durchsetzungsstärke inspirieren sowohl Pippi als auch Michelle Obama junge Mädchen und Frauen dazu, selbst einmal zu einem solchen Vorbild zu werden – auch ganz ohne holden Prinzen. 

Ein großer, kunterbunter Dank gilt Astrid Lindgren, die vor 75 Jahren mit ihrem Buch “Pippi Langstrumpf” unzählige Lese- und Vorlesestunden vergoldet und ihre Leser darüber hinaus mit vielen Lebensweisheiten bereichert hat! 

 

5 Dinge, die wir von Pippi Langstrumpf lernen können

1. “Ach was”, sagte Pippi. “Wenn das Herz nur warm ist und schlägt, wie es schlagen soll, dann friert man nicht.”

Eine der größten Freuden ist es, anderen Menschen zu helfen und selbst Hilfe zu erhalten, wenn man sie benötigt. Zu wissen, dass man nicht allein ist und im Notfall die beste Freundin nachts um zwei anrufen kann und sie sich geduldig unsere Sorgen anhört, lässt ein ganz warmes Gefühl in uns aufsteigen. In der aktuellen Corona-Zeit ist füreinander da sein bedeutender denn je. Dies zeigt auch Pippi in ihrer Freundschaft zu Tommy und Annika.

2.Singt ruhig, ich erhole mich in der Zwischenzeit ein bisschen – Zuviel Gelehrsamkeit kann selbst den Gesündesten kaputt machen!”

Ein voller Stundenplan hier, ein Praktikum da und eigentlich müsste die Hausarbeit für nächste Woche schon längst geschrieben sein. Im Alltagsstress fällt es uns oft schwer, einen Gang herunterzuschalten und gut für uns selbst zu sorgen. Die Angst davor, seinen eigenen Erwartungen oder denen der Anderen nicht zu genügen, ist der ideale Nährboden für Selbstzweifel und Unruhe – und das kann uns, wie Pippi schon wusste, kaputt machen. 

3. “Warte nicht darauf, dass Menschen dich anlächeln… Zeig ihnen wie es geht!”

Ein griesgrämiger Blick unseres Gegenübers – sofort schießt uns der Gedanke durch den Kopf: „Der hat doch was gegen mich“. Dabei vergessen wir, dass der Andere möglicherweise nur einen schlechten Start in den Tag hatte. Der ideale Zeitpunkt für uns, Pippis fröhliches Gemüt zu verinnerlichen und den Anderen anzulächeln. Mal schauen, was passiert…

4. „Hab keine Angst um mich, ich komme schon zurecht!“

Pippi geht mit einem geradezu beneidenswerten Selbstvertrauen durchs Leben. Wie oft haben wir uns selbst schon eingeredet, etwas nicht zu können? Mit einer gehörigen Portion Optimismus, Zuversicht und einem Sprung aus der Komfortzone werden wir uns das nächste Mal zeigen, was wir alles draufhaben!

5. „Wunderbar! Bezaubernd“ „Was findest du denn so bezaubernd?“ fragte Tommy. „Mich“ sagte Pippi zufrieden.

Habt ihr schon einmal von jemandem gehört, dass er rundum zufrieden mit sich ist? Nein? Ich auch nicht. Selbstoptimierung ist das Schlagwort der letzten Jahre, alles an sich zu mögen gehört schon lange nicht mehr zum guten Ton. Wir kritisieren viel zu oft unsere vermeintlichen Makel und die schönen Dinge an uns geraten zunehmend in Vergessenheit – ein sicherer Weg in die Unzufriedenheit. Wie Pippi sollten wir uns öfter sagen, wie wunderbar und bezaubernd wir sind.

 

Autorin: Johanna Panitz

Lektorat: Laura Haase, Emilia Scheiba

Bildquelle: Ngoc Tram Anh Nguyen

Bildgestaltung: Nico Winkler

 

 

 

 

 

 

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