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Amazon Crossing – Vom Buchhändler zum Verleger

Innovative Geschäftsmodelle

 

“To be Earth’s most customer-centric company, where customers can find and discover anything they might want to buy online.” – Die Vision von Amazon ist es, das weltbeste kundenorientierte Unternehmen zu sein, indem eine Plattform geschaffen wird, wo Menschen Produkte finden und entdecken, die Sie online kaufen möchten.

CC Namensnennung Romy V. Reichert

 

– Man könnte meinen,  das weltbeste kundenorientierte Unternehmen sollte unbedingt einen eigenen Verlag haben, um die literarischen Bedürfnisse zu befriedigen, wenn man bedenkt, dass Amazon bereits im Jahr 2009 AmazonPublishing gegründet hat. Der Verlag veröffentlicht nicht nur neue und bereits vergriffene Titel, er übersetzt –zudem Werke ins Englische unter dem Imprint AmazonCrossing.

 

Gegründet wurde das Imprint 2010 mit dem Ziel, erfolgreiche Titel aus verschiedenen Ländern dem englischsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Damit nimmt sich Amazon eines Problems an, das es schon seit vielen Jahren auf dem englischen Markt gibt und das als 3%-Problem bezeichnet wird, denn weniger als drei Prozent der jährlich auf dem US-Markt erscheinenden Bücher sind Übersetzungen. In diesem Bereich gelang Amazon ein schnelles Wachstum: 2016 lag sein Anteil an den Übersetzungen bei 10%, im Jahr davor waren es sogar 14%. Damit ist AmazonCrossing bereits sieben Jahre nach seiner Gründung Marktführer in den USA, die restlichen 86-90% Anteil an Übersetzungen sind nämlich auf zahlreiche kleinere Verlage verteilt.

 

Doch was unterscheidet den Internet-Riesen von dieser Vielzahl an kleinen Verlagen?

Die Antwort auf diese Frage ist offensichtlich: Größe, Budget und Ressourcen. Ein weiterer Faktor, der erst auffällt, wenn man sich den Katalog von AmazonCrossing zu Gemüte führt, ist die Art der Werke, die übersetzt werden. Während der Großteil der ins Englische übersetzten Literatur dem Genre literary fiction, also Belletristik, die von Lesern als anspruchsvoller erachtet wird, zugeordnet werden kann, bedient sich AmazonCrossing hauptsächlich der sogenannten genre fiction, Romanen, die eindeutig einem Genre zuzuordnen sind und die allgemein als Trivialliteratur gelten. Der genaue Unterschied zwischen den Genres wird hier nochmal erläutert.

 

– Auch wenn AmazonCrossing sich auf ein Genre eingeschossen hat, ist die Vielfalt der übersetzten Sprachen groß: französisch, spanisch, sogar chinesisch. Besonders auffällig ist: Rund 21% aller Übersetzungen aus 2016 stammen aus dem Deutschen. Der Geschmack der deutschen Leser scheint dem der US-amerikanischen sehr ähnlich zu sein. Oliver Pötzschs „Die Henkerstochter“ hat zum Beispiel 1,5 Millionen Leser in digital und Print gefunden, ganz ähnlich Petra Durst-Benning, deren „Glasbläser-Trilogie“ immerhin 700.000 Leser erreicht.

 

Ein weiterer Vorteil, den AmazonCrossing hat, ist, dass seine Lektoren in vielen Städten der Welt beheimatet sind: Madrid, Mailand und München, um nur einige zu nennen. Die Lektoren fahren zu Konferenzen und Messen, um Ausschau nach vielversprechenden Titeln für ihr Programm zu halten. Natürlich beruft sich der Konzern auch auf seine gesammelten Daten. Und wie es sich für einen im Internet verwurzelten Konzern geziemt, gibt es auch eine Website, auf der Autoren und Übersetzer Werke vorschlagen können. Zusätzlich gibt es außerdem ein Portal für die Übersetzer, über das sie mit ihren Projekten zusammengeführt werden. Dabei machen die Übersetzer Angebote für verschiedene Werke, die von den Lektoren geprüft werden, um den richtigen Übersetzer für ein Buch zu finden. Bei diesem Auswahlprozess fühlen sich einige Übersetzer übergangen, denn sie haben das Gefühl, dass derjenige, der das niedrigste Gebot abgibt, den Zuschlag bekommt. AmazonCrossing hat mittlerweile auf die Vorwürfe reagiert und angekündigt die Gehälter anzupassen. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob sie Wort halten.

 

Eines lässt sich jedoch sicher sagen: AmazonCrossing ist gekommen, um zu bleiben. Mittlerweile werden nicht nur Bücher ins Englische übersetzt, es gibt auch Übersetzungen ins Französische und Deutsche. Im Jahr 2015 kündigte der Mutterkonzern an, 10 Millionen US-Dollar bis 2020 in AmazonCrossing zu investieren, damit es noch mehr Länder und Sprachen für sich erschließen kann.

 

Autor: Linda Pollack

 

 

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