Lithographie: Die Mutter der modernen Druckverfahren

Das Jahr 2020 steht im Zeichen der Industriekultur in Sachsen. Seit ungefähr 500 Jahren ist unser Kulturraum geprägt durch Handel, Gewerbe und Industrie. Als Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts den Buchdruck revolutionierte, avancierten Städte wie Leipzig zu Dreh- und Angelpunkten für das Buch- und Druckgewerbe. Epochal war auch die Erfindung des Flachdrucks, auf dem die meisten modernen Druckverfahren basieren. Wir möchten den Anlass nutzen, um diesen Meilenstein näher zu beleuchten.

Revolution der Reproduktionstechnik

1796 gelang es Aloys Senefelder (1771-1834) eine Druckvorlage mittels Steinplatte zu reproduzieren. Er experimentierte weiter, bis er 1798 eine zufriedenstellende Technik entwickelt hatte – die Lithographie (griech. lithos = Stein, graphein = schreiben, drucken) war erfunden und somit das erste Flachdruckverfahren der Welt.

Senefelder erkannte die chemischen Eigenschaften von Kalkschiefer, Fett und Wasser sowohl aufzunehmen, als auch abzustoßen. Nach einigem Experimentieren entwickelte er so auch die Lithotusche: „Eine Mischung aus drey Theilen Wachs mit einem Theile gewöhnlicher Unschlittseife auf dem Feuer geschmolzen, mit etwas Kienruß versetzt und dann in Regenwasser aufgelöst – ergab eine schwarze Dinte.“ Außerdem fand er heraus, dass das chemische Druckverfahren auch auf Metall und anderen Materialien anwendbar ist.

In seinem 1818 erschienenem „Lehrbuch der Steindruckerey“ äußerte Senefelder den Wunsch, die Lithographie „… möge der Menschheit durch viele vortreffliche Erzeugnisse vielfältigen Nutzen bringen“.

Industrialisierung

Druckformen konnten nun wesentlich schneller, kostengünstiger und für hohe Auflagen hergestellt werden, was weltweit zur schnellen Verbreitung des Steindrucks führte. Die Motive wurden direkt auf den Druckträger gezeichnet, chemisch fixiert und auf den Bedruckstoff gepresst.

Senefelder beschäftigte sich auch mit der Entwicklung einer Schnelldruckpresse, mit der sein neues Verfahren umgesetzt werden konnte. Er entwarf eine Steindruckmaschine, die auf maschinellen statt manuellen Betrieb setzte, um so menschliche Arbeitskraft einzusparen.

Bunter Bilderboom

Der Alltag im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert war nicht ansatzweise zu vergleichen mit unserer heutigen bunten Bilderwelt. Damals war es den reichen Bevölkerungsschichten vorbehalten, über bebilderte Bücher oder gar Gemälde zu verfügen. Der gemeine Bürger konnte es sich schlichtweg nicht leisten.
Das änderte sich nahezu schlagartig mit der neuen Drucktechnik, die es möglich machte, Druckvorlagen massenhaft zu vervielfältigen.

Im Jahre 1837 erhielt Godefroy Engelmann, ein ehemaliger Schüler Senefelders, das Privileg des lithographischen Dreifarbendrucks, der Chromolithographie. Es war zwar schon möglich in Farbe zu drucken, aber Engelmann verbesserte dieses Verfahren um ein Wesentliches. Diese Technik in Verbindung mit Schnellpressen brachte eine nicht gekannte Fülle an Bilderwelten in alle Schichten der Bevölkerung.
So entstanden neue Bildmedien, wie Werbe- und Sammelbilder, sowie verzierte Glückwunsch- oder Ansichtskarten. Großformatige Plakate warben für dieses und jenes. Die Etiketten und Verpackungen von Alltags- und Luxusprodukten wurden aufwendiger. Mit dem neuen Verfahren bildeten sich auch neue Wirtschaftssektoren heraus.

Künstlerlithographie

Als Erweiterung zu Holzschnitt, Kupferstich und Radierung erlangte die Chromolithographie im Ölbilderdruck ihre Perfektionierung.
Von Beginn an war die Künstlerlithographie ein eigenes Feld und ist es bis heute.

Da der Künstler direkt auf die Druckplatte malt, gibt es keine eigentlichen „Originale“. Da aber mit einer vom Künstler selbst angefertigten Vorlage gedruckt wird, kommt es einem Original sehr nahe. Ein Druck kann günstiger und somit eher verkauft werden als beispielsweise ein Gemälde auf Leinwand.

Der Sprung zum Offsetdruck

Ende des 19. Jahrhunderts bahnte sich durch neue Techniken wie der Fotografie, der Anthotypie und des Lichtdrucks die Ablösung des Steindrucks an.

Im weiteren Verlauf wurden Rotationsmaschinen entwickelt. An Stelle des unhandlichen und schweren Steins trat ein rotierender Zylinder, auf dem eine biegsame Metallplatte angebracht wurde, um direkt auf Papier zu drucken.

Die moderne Technik des Offsetdrucks (engl. „to set off“ = absetzen) als indirektes Flachdruckverfahren hat die Lithographie als gängiges Druckverfahren abgelöst.

Lithographie heute

Den Beruf des Lithographen als solchen gibt es nicht mehr. Es gibt allerdings noch eine gute Handvoll lithographische Druckereien. Die meisten von ihnen haben sich auf ein bestimmtes Verfahren spezialisiert. Im Lithographischen Atelier Leipzig hingegen wird mit allen Techniken gearbeitet, vom ursprünglichen Druck mit Stein auf Papier bis hin zu „Litho 2.0“, wie es Inhaber Stephan Rosentreter bezeichnet. Das jeweilige Verfahren wird der Arbeit des Auftraggebers angepasst. „Alles entwickelt sich weiter, auch historische Drucktechniken“, so Rosentreter, der sich beispielsweise eine eigene Technik zur Colorierung erarbeitet hat.

Vom Stein wird heutzutage weniger gedruckt. Das gängige Medium sind handelsübliche Zinkplatten. Farbtöpfe in allen erdenklichen Nuancen sucht man vergebens: Es wird mit Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz gearbeitet und aus diesen Farben wird gemischt – wie auch im modernen computergestützten Druck. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Vom historischen Tiermotiv bis zur modernen Kunst, jeder Druck ist Handarbeit und spiegelt die Liebe zum Detail und zum Beruf wieder.


Wer mehr über die Geschichte des Drucks erfahren möchte, dem sei ein Besuch im Museum für Druckkunst in Leipzig ans Herz gelegt.

Vielen Dank an dieser Stelle an das Lithographische Atelier Leipzig für die Einblicke in das Handwerk.

 

Autorin: Kathrin Töpfer

Lektorat: Emilia Scheiba, Clara Rothe

Bildgestaltung: Nico Winkler

Bildquelle: Kathrin Töpfer (Lithographisches Atelier Leipzig)

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