Wie Literatur uns hilft, Rassismus zu verstehen

“Black Lives Matter! No Justice – No Peace!” tönt es in lauten Sprechchören von den Straßen und unüberhörbar aus den medialen Formaten unserer Wahl. “What do we want? Justice! When do we want it? Now!” wird begleitet von nachdrücklichen Transparenten und einer nicht enden wollenden Menschenmasse. Soziale Netzwerke werden überflutet von schwarzen Bildern, Denkmäler werden umgestürzt und Schweigeminuten abgehalten – all dies geschieht mit dem Zweck, Solidarität und Trauer für die schwarze Bevölkerung zu bekunden.

#BlackLivesMatter – global geeint gegen Rassimus

In den USA begonnen, erreicht die antirassistische Protestbewegung „Black Lives Matter“ gegenwärtig ein globales Ausmaß und fand am ersten Juniwochenende auch in Leipzig statt.

Der Auslöser für die aufgeheizte Stimmung und die Zusammenkunft von derart vielen AktivistInnen in Zeiten von Corona ereignete sich am 25. Mai 2020 in Minneapolis, als der Afroamerikaner George Floyd von mehreren Polizisten festgenommen und in Folge dessen auf offener Straße von einem der Officer erstickt wurde. George Floyd ist damit nur das jüngste Beispiel einer langen Liste rassistisch geprägter Morde durch die exekutive Staatsgewalt der USA. Sein Tod statuiert mit einer unmissverständlichen Traurigkeit und Härte, dass Rassismus nach wie vor in einer vermeintlich aufgeklärten und fortschrittlichen Gesellschaft ein brandaktuelles Thema ist, über das nachgedacht, gesprochen, geschrieben und gelesen werden muss.

Doch nicht nur die amerikanische Gesellschaft, auf die derzeit von allen Seiten mit dem Finger gezeigt wird, hat ein Rassismusproblem. In Deutschland hat die Diskriminierung schwarzer Menschen eine ebenso lange Geschichte, angefangen bei dem Kolonialismus über den Nationalsozialismus bis hin zur Nachkriegszeit. Auch heute noch hält die strukturelle Fremdenfeindlichkeit hier an – mal mehr, mal weniger unter dem Deckmantel des Alltagsrassismus. „Woher kommst du?“ ist in vielen Fällen eine gut gemeinte Frage, doch den Betroffenen wird dadurch unterschwellig mitgeteilt: du siehst anders aus, also gehörst du nicht dazu.

 Aktivismus und Literatur – passt das zusammen? 

 “In a racist society, it is not enough to be non-racist. We must be anti-racist” Angela Davis, Schriftstellerin und US-amerikanische Bürgerrechtlerin

Rassismus ist kein Thema, über das gern gesprochen wird und wenn es trotzdem vorkommt, sagt man sich schnell davon los. Doch unser europäisch geprägtes Selbst- und Weltbild lässt uns womöglich am Tage gegen Rassismus demonstrieren, aber nachts die Straßenseite wechseln, weil uns ein dunkelhäutiger Mann entgegenkommt. Es ist wichtig die Stimme zu erheben, aber essentiell ist es, das eigene Verhalten selbstkritisch zu reflektieren und zuzuhören. Dies bildet den ersten Grundstein eines lebenslangen Lernprozesses zum Thema Anti-Rassimus, der nicht enden darf, bis people of color ein normales Leben ohne existenzielle Ängste führen können.

Wenn wir uns bei all diesen Geschehnissen und damit verbundenen Emotionen nun fragen, was wir als Individuum darüber hinaus tun können, um der Fremdenfeindlichkeit entgegenzuwirken, müssen wir uns mit der Geschichte von nicht-weißen und schwarzen Menschen auseinandersetzen, um ihre Perspektive zu begreifen. Was könnte uns dabei besser helfen als die Literatur? Sie gibt Menschen die Möglichkeit zu sprechen, die eigene Geschichte aufzuarbeiten und somit eine Stimme zu finden. Literatur ist mehr als eine passive Beschreibung eines Sachverhaltes oder die bloße Spiegelung der Gesellschaft, sondern sie kann auch ganz bewusst in das Geschehen eingreifen – indem man sie liest, versteht und umsetzt.

Die folgenden Bücher sind ein gutes Beispiel für die Macht der Literatur im Kampf gegen den Rassismus. Absolute Leseempfehlung!

 

  1. „WAS WEISSE MENSCHEN NICHT ÜBER RASSISMUS HÖREN WOLLEN, ABER WISSEN SOLLTEN“ – von Alice Hasters

„Kannst du Sonnenbrand bekommen?“, „Darf ich mal deine Haare anfassen?“ sind vermeintlich neugierige Fragen, doch leider gleichzeitig immer noch von rassistisch verankerten Denkweisen konnotiert. Es ist unangenehm sich dabei zu ertappen, diese Fehler selbst schon einmal begangen zu haben, aber umso wichtiger ist es, daraus zu lernen. Die Autorin Alice Hasters erklärt mit viel Geduld, aber auch Eindringlichkeit, was Alltagsrassismus eigentlich ist, wie es sich anfühlt und in welchen Situationen mehr Sensibilität und Empathie gefragt sind. Wer nicht gerne liest, sondern sich lieber vorlesen lässt, findet auf Spotify das gleichnamige Hörbuch.

  • erschienen 2019 im hanserblau-Verlag, 17€
  1. „WARUM ICH NICHT LÄNGER MIT WEISSEN ÜBER HAUTFARBE SPRECHE“ – von Reni Eddo-Lodge

Die populäre Streitschrift der britischen Kolumnistin und Schriftstellerin Reni Eddo-Lodge wurde bereits mit dem British Book Award ausgezeichnet, was nicht verwunderlich ist, denn das Buch ist eine absolute Pflichtlektüre für den Umgang mit Rassismus. Im Fokus steht die strukturelle Fremdenfeindlichkeit in Großbritannien, die Reni Eddo-Lodge anhand von klaren Definitionen und historischen Herleitungen aufdeckt und hinterfragt. Anders als der Titel auf den ersten Blick suggeriert, ist das Buch eine klare Aufforderung zum respektvollen Austausch über Rassismus.

  • erschienen 2019 im Klett-Cotta Verlag, 18€
  1. „SPRACHE UND SEIN“ – von Kübra Gümüsay

Das Anliegen der politischen Aktivistin und Journalistin Kübra Gümüsay ist es, sich für Gleichberechtigung stark zu machen und zu zeigen, wie Kommunikation auf Augenhöhe funktioniert. „Sprache und Sein“ geht der spannenden Frage nach, inwieweit Sprache unser Denken, unsere Außenwahrnehmung und vermutlich sogar die Politik formt. Gleichzeitig setzt sich das erst in diesem Jahr erschienene Buch kritisch damit auseinander, wie schnell Sprache zu stereotypischem und rassistischem Denken verleitet und fordert uns auf, nicht in Schubladen, sondern in Perspektiven zu denken.

  • erschienen 2020 im Hanser Berlin Verlag, 18€

 

Autorin: Johanna Panitz

Lektorat: Emilia Scheiba, Clara Rothe

Bildgestaltung: Nico Winkler

 

 

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