Storyworlds – von bärtigen Zwergenfrauen und langhaarigen Elben

Man nehme an, jemand verfolge die Informationen zur neuen Serie Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht, die im September 2022 auf Amazon Prime erscheinen soll, und stößt dabei auf erste Fotos der Charaktere. Etwas fällt direkt auf – die Zwergenprinzessin Disa hat keinen Vollbart und die männlichen Elben kurze Haare. Doch warum ist es, dass Fans direkt wissen, dass daran etwas nicht ganz stimmt?

An diesem Beispiel möchten wir Euch die enorme Bedeutung von Storyworlds in den Medien vor Augen führen. Als “Storyworlds”, bzw. Geschichtenwelten, werden in der Erzähltheorie fiktive Welten beschrieben, die durch verschiedenste Medienformen im Kopf der Leser*innen erschaffen werden. Dabei handelt es sich um gebündelte Informationen aus der Erzählebene einer Geschichte, der Diegese, die durch verschiedene Re-Interpretationen des Originalmaterials angereichert werden können. Hier kann sich vielleicht der/die eine oder andere Leser*in an Situationen erinnern, wo angeregt über die Unsinnigkeit der Handlung eines bestimmten Charakters diskutiert wurde, und jemand eher erstaunt beitrug, dass das alles doch schließlich nur eine Geschichte sei. 

Aber es ist nunmal eine Geschichte in einer Geschichtenwelt, die in sich geschlossen glaubwürdig bleiben muss. Drachen können wir uns alle im Der Herr der Ringe Universum vorstellen, Elben mit kurzen Haaren jedoch nicht – obwohl man völlig begründet argumentieren könnte, letzteres wäre in unserer Welt um einiges realistischer. Aber eine Geschichte wie Der Herr der Ringe existiert eben in ihrer eigenen, gesonderten Logik.

Das ist es, was Storyworlds so interessant macht. Eine Erweiterung des Kanons von Der Herr der Ringe baut auf einer weiten, gut erforschten, in sich logischen Geschichtenwelt auf. Sie fügt sich sozusagen in eine lange Erzählung ein, die keiner neuen Erklärung bedarf, sofern der/die Leser*in schon einmal Kontakt mit dieser hatte. Die Möglichkeiten für einen solchen Kontakt sind zudem vielfältig und beinahe endlos. Ob jemand die Der Herr der Ringe Trilogie selbst, Das Silmarillion,  oder Der Hobbit gelesen hat, sich die Filmadaptionen der Buchreihe oder diverse Videospiele – von LEGO Der Herr der Ringe bis Der Herr der Ringe: Die Schlacht um Mittelerde – zu Gemüte geführt hat, spielt keine Rolle. Auch ein sorgsam an die Wand gehängtes Replik von Thorin Eichenschilds Schwert Orcrist, eine Anstecknadel in der Form eines Lorién-Blattes, eine Türmatte mit der Aufschrift “Sprich Freund und tritt ein”, oder die Hefebrötchen aus Kochen wie die Halblinge auf dem Frühstückstisch tragen zum Erleben dieser besonderen Storyworld bei. 

Für die Medienwelt muss dieses Phänomen ein Denkanstoß sein. Mit den Möglichkeiten, die wir heute in den Medien haben – seien es kompliziert gestaltete Bücher, Hörbücher, E-Books, Videospiele, Filme, Serien, oder Merchandise – können Storyworlds an Leser*innen getragen werden, die die Leseerfahrung eines bloßen Buches um Dimensionen erweitern. Storyworlds ernst zu nehmen und deren Potential voll auszuschöpfen, birgt die Möglichkeit eines ganzheitlichen Publishing-Prozesses, der die Leser*innen in fremde Geschichtenwelten eintauchen lässt, als wären sie dort zuhause. 

Außer die Zwergenprinzessin trägt keinen Bart.

 

Autorin: Josefine Bernhofer

Beitragsbild: https://de.freepik.com/vektoren/tier

Quellen:

Breznican, Anthony, Robinson, Joanna. Amazon’s Lord of the Rings Series Rises: Inside The Rings of Power. Vanity Fair, 2022, https://www.vanityfair.com/hollywood/2022/02/amazon-the-rings-of-power-series-first-look

Greza, Peter Oliver. Narrative Elemente und die narrative Relevanz von Räumen und Strukturen im Computerspiel „Minecraft“, GRIN Verlag, München, 2016, https://www.grin.com/document/386851 

Ryan, Marie-Laure, Thon, Jan-Noël. Storyworlds across Media: Toward a Media-Conscious Narratology. University of Nebraska Press, 2014, https://doi.org/10.2307/j.ctt1d9nkdg

 

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