„Wollen Sie wirklich aus Eitelkeit die unüberschaubare Liste überflüssiger Bücher verlängern helfen?“

© Renate von Mangoldt

Was würden Sie jungen Schriftstellern raten, die ihr erstes Buch veröffentlichen wollen?

1) Einsamkeit und innere Unabhängigkeit. Kollektive schreiben keine Bücher, Kollektive verbessern auch keine Bücher. Mutige Entscheidungen, neue Ideen kommen von Einzelnen und werden, wenn sie mutig und neu sind, von anderen abgelehnt. Wer in seinem Bekanntenkreis mehr als 10% Schriftsteller und Feuilletonjournalisten und Leute hat, die „irgendwas mit Büchern“ machen, liegt falsch und gräbt sich seine Quellen zu.

2) Eine abgeschlossene Berufsausbildung und einen Beruf. Das kann alles sein außer Literaturwissenschaftler. Literaturwissenschaftler sind nicht die Leute, die Bücher schreiben, sondern die, die wissen, wie es gemacht werden müsste, aber es selbst nicht können. Im Übrigen muss das Leben eine Chance haben, in den Kopf des Schriftstellers zu dringen. Im Literaturbetrieb aber gibt es das Leben nicht.
Außerdem macht ein Beruf unabhängig von den Zumutungen, der Korruption und dem Elend des Schriftstellerberufes. Fragen Sie sich folgendes:
Möchte ich mit 35 freier Feuilletonkritiker sein?
Möchten Sie sich bei Menschen, die Ihnen eventuell zuwider sind, einschleimen, um in den Genuss ihrer Freundlichkeiten zu kommen?
Was halten Sie, wenn Sie, sagen wir 30 sind, für ein zumutbares Jahreseinkommen? 25.000 Euro? Sie sind bescheiden, aber gut. Um nur mit Büchern auf dieses Gehalt zu kommen, müssen Sie jedes Jahr einen 300-Seiten Roman veröffentlichen (20 Euro), der sich 7.000 mal verkauft. (Schnitt liegt bei 2.500) Das macht: 14.000 Euro. Dann zehn Lesungen à 300 Euro. Dann ein Literaturförderpreis. Diese Preise bekommen Sie, bis Sie 35 sind, danach nicht mehr. Dann entweder die großen Preise (die so groß auch nicht sind) oder gar nichts mehr. Mit 40 brauchen Sie aber entweder mehr als 25.000 Euro oder ein Erbe oder einen gut verdienenden Lebenspartner. Sauberer ist ein eigener Beruf.

3) Holen Sie dreimal tief Luft, bevor Sie glauben, dass alle die wahnsinnigen Geschichten, die Ihre Kindheit und Jugend so schrecklich/großartig/ außergewöhnlich/erzählenswert gemacht haben, wirklich einen Roman ergeben, der unbedingt geschrieben werden musste. Nichts ist schlimmer als coming-of-age-Geschichten aus der bürgerlichen Mittelklasse. Seien Sie bitte nicht selbst der Held Ihres ersten Romans.

4) Vergessen Sie nie: „Aber das ist meine Sicht der Dinge“ und „Aber das war meine Geschichte“ sind keine Argumente. Anders als gemeinhin behauptet, gibt es keine Nischen und Genres, in denen andere Gesetze gelten als für die „hohe“ Literatur. Jedes Buch, das geschrieben wird, setzt sich der Konkurrenz der gesamten Literaturgeschichte aus. Jedes neue Buch steht neben den Meisterwerken. Und muss sich fragen lassen: Warst du angesichts der Meisterleistungen, die existieren, wirklich notwendig? Und natürlich lautet die Antwort: Nein. Darauf zu erwidern: Ja, aber meine Stimme hat doch auch ein Recht, geäußert zu werden, ist mau, sehr mau. Hat sie nämlich nicht, wenn sie sich nicht behaupten kann in eigenem literarischem Recht. Wollen Sie wirklich aus Eitelkeit die unüberschaubare Liste überflüssiger Bücher verlängern helfen? Wissen Sie nichts Sinnvolleres mit Ihrer Zeit und der Ihrer Mitmenschen anzufangen?

5) Wenn Sie ein wirklicher Schriftsteller sind, lesen Sie das hier alles, winken ab, sagen „Leck mich am Arsch“ und tun, was Sie müssen.

Das Interview mit Michael Kleeberg führte Sarah Killian.

www.michaelkleeberg.de

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