Kunst zwischen Utopien, Uniformen und Umbruch – Im Gespräch mit Fabian Reimann

Denkt man an Kunst in Leipzig, dann fallen einem wahrscheinlich zuerst Namen wie Fischer Art, Sighard Gille und Neo Rauch ein. Auch die Neue Leipziger Schule ist vielen ein Begriff. Und dann denkt man sicherlich an die Spinnerei im Leipziger Westen. Dort, wo früher Baumwolle industriell verarbeitet wurde, haben sich seit den 1990er Jahren Künstler einen Raum geschaffen. Auf rund 100.000 Quadratmetern Fläche finden sich zahlreiche Ateliers und Projekträume. Geschäfte und Galerien laden zum Verweilen ein. Seit 2001 hat hier auch der bildende Künstler und Autor Fabian Reimann seine Werkstätte. Er arbeitete unter anderem in zahlreichen Raumessays und ist Mitbegründer des Magazins Krachkultur und der Berliner Produzentengalerie Amerika.

Hallo Herr Reimann, erst einmal vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview nehmen.
2018 erschien Ihr bis dato fünftes Buch mit dem Titel „The World Set Free“ im Leipziger Kunstverlag Spector Books. Welche Intention hatten Sie, Ihre Werke nicht nur in Ausstellungen zu zeigen, sondern auch in Buchform zu veröffentlichen?
Ausstellungen und Bücher sind zwei unterschiedliche Formate, die sich ergänzen können. Bei besonders rechercheintensiven Arbeiten hatte ich festgestellt, dass eine Ausstellung mit großem Leseanteil ermüdend ist. Viele Recherchen sind daher in die Form des Buches gekommen, die geeignete Form für längeres Lesen. Bei den narrativen Installationen „The Surveyor“ und „Amateur“ sind die Bücher integrale Teile der Ausstellung geworden. Andere Bücher sind Bildessays zu verschiedenen Themen. Einige davon nenne ich auch Metabücher: Bücher, die sich auf bestehende Publikationen beziehen.

Ihre Kunst beschäftigt sich mit Utopien und Zukunftsvisionen, ebenso mit Gemeinsamkeiten zwischen Science-Fiction und politischem, gesellschaftlichem und technologischem Fortschritt.
Sind Romane wie „Die Geschichte unserer Welt“ von H.G. Wells Ihre Inspiration?
Ja, unter anderem.

Was fasziniert Sie an den Geschichten? Welche Inspirationsquellen haben Sie noch?
Wells ist schon ein Phänomen in vielerlei Hinsicht. Er hat aus jeder Notiz zu Neuigkeiten gleich einen Roman gemacht und damit das Genre Science-Fiction durch das konsequente Weiterdenken, man könnte sagen, gegründet. Jules Verne-Verehrer werden jetzt schimpfen.
Als Inspiration ist es ist ja eher das Verbinden von Dingen, die sich dazu anbieten. Bilder passen zueinander oder Personen, die miteinander zu tun haben oder hatten.

Hatten Sie schon als Kind eine Vorliebe für Science-Fiction?
Bei kürzerem Nachdenken auch, ja.

Gab es bestimmte Bücher, Zeitschriften oder auch Fernsehsendungen, die Sie besonders in ihren Bann gezogen haben?
Außer „Captain Future“ mit dieser unverkennbaren Musik von Christian Bruhn? Schon so ein paar Sachen. Als Beispiel zu den Verbindungen: „Alarm im Weltall“, im Original „Forbidden Planet“, ist eigentlich eine Kalter Krieg-Science-Fiction-Interpretation von Shakespeares „Der Sturm“, Prosperos Bücher so 17 Lichtjahre von hier. Das ist doch grandios!

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Utopien und Dystopien? Hat das eine dem anderen Ihrer Meinung nach etwas voraus, zum Beispiel weil es schwieriger ist, etwas aufzubauen als zu zerstören?
Die Dialektik des Begriffspaares mag unbestritten sein. In den Fiktionen sind die Dystopien populärer. Wenn alles tipptopp in Ordnung wäre, gäbe es auch keine Konflikte oder Dramen auszustehen. Utopien sind viel prozesshafter. Man muss sich immer darum kümmern, dass Dinge besser werden, und das ohne negative Abgrenzung. Das ist komplizierter als Räuberschach.

„Hänsel und Gretel“ wäre ohne die böse Hexe wohl auch keine gute Geschichte.
Sind Konfrontationen mit Dystopien notwendig, damit sich Dinge bessern?
Das wäre zu wünschen. Die Unkenrufe sagen ja, dass alles Schlimme nun kommen wird. Aber die Unken taten das seit jeher.

Was wollen Sie ihrem Publikum näher bringen?
Formal gesehen das multiperspektivische Sehen, also mit Bildern zu erzählen
und sich nicht an der Linearität von Text zu verbeißen. Inhaltlich – unter anderem – einen Blick darauf, dass es kaum etwas gibt, das aus sich heraus entsteht. Alles basiert auf bestehenden kulturellen Leistungen. Und es gibt so ein „history repeating“. Künstlerische Arbeiten können das metaphorisch tun. Die jüngere Zeitgeschichte ist dafür immer eine Folie, wie es beispielsweise in der Klassik die Antike war. Zukunftsträume der Vergangenheit, Forschung und Eroberung, Machtverhältnisse, Spionage und was es da alles gibt.

Haben Sie ein neues Buch in Planung? Wenn ja, welches Thema wird es aufgreifen?
Ja, das nächste Buch wird eine Kooperation mit Hans-Christian Dany. Es geht um die Wechselwirkungen von Mode und Militär, Kontrollgesellschaft, Drohnen, Bomberpiloten. Danys Buch „MA-1, Mode und Uniform“ wird auf Englisch erscheinen, begleitet von einem umfangreichen Bildessay.

Das Tragen von Springerstiefeln, Tarnmustern, Bomberjacken und dergleichen war lange größtenteils bei Anhängern von Subkulturen zu finden, die sich auch optisch von der breiten Masse abheben wollten. Seit einigen Jahren als Trend gehypet, sieht man immer mehr, vor allem junge Leute, in besagten Outfits.
Was kann sich der Leser unter „Mode und Uniform“ vorstellen?
Ja, die Subkulturen haben immer schon Looks geprägt, sonst wären sie nicht erkennbar gewesen und das eben auch nicht ihren Abgrenzungen zueinander. Skinheads brauchten auch die Rich Kids und Hippies, um sich deutlicher zu positionieren, nämlich dagegen. Dany verfolgt das sehr klar und unterhaltsam in dem Buch.

Wie stehen Sie zum Thema Mode und Uniform? Gewissermaßen erinnern ja von Modeschöpfern oder sog. „Influencern“ gesetzte Trends an Uniformierung.
Ja, das ist so ein Spielchen, ob man zu früh oder zu spät in Gummistiefeln, Badelatschen oder veganen Dr. Martens-Stiefeln herumläuft. Wirklich mitspielen kann man das nicht, denke ich, so schnell kann man gar nicht einkaufen.

Welche kulturellen Einflüsse sind Ihrer Meinung nach derzeit besonders prägend für die Zukunft?
Frage nach Visionen… Eines ist wohl unübersehbar,
 es geschehen die Dinge sehr zügig und das überall. Ein Phänomen des digitalisierten Globalismus lässt sich vielleicht so beschreiben: wenn ich in Sankt Petersburg einen McDonalds sehe, erkenne ich den als Hamburger-Bude, auch auf Kyrillisch. Dafür hat es viele Jahre Marketing gebraucht. Wenn ich in Prag ein Hipster-Café besuche, erkenne ich es daran, dass es so aussieht wie in Berlin oder Kopenhagen. Die haben sich alle auf Zielgruppen-Looks eingefunden, die sich über Instagram, Pinterest oder anderen wie simultan verbreiten. Looks, Codierung, Wiedererkennbarkeit und Simultanitäten, sich selbst beim Be- und Entschleunigen sehen, das wird ein neues Kapitel sein.

Gibt es schon ein Erscheinungsdatum für Ihr Buch? Und wird es wieder über Spector Books veröffentlicht?
Das Buch sollte im Herbst erscheinen. Weil es für ein internationales Publikum konzipiert ist und aktuell international so allerhand durcheinander geht, ist es auf das Frühjahr 2021 verschoben worden. Es wird auch bei Spector Books erscheinen.

Wie Sind Sie auf Spector Books als Verlag gekommen?
Vor ungefähr zehn Jahren schaute ich mich um, welcher Verlag für so ein Experiment wie diese recherchebasierten Bücher, Künstlerbücher, ein Partner werden könnte. Spector hatte schon ein paar Titel im Programm, die ich gut gedacht und gemacht fand. Wir fanden dann auch zueinander, was dadurch, dass der Verlag auch in Leipzig ist, begünstigt wurde.

 

Fabian Reimann hat Kultur- und Kunstwissenschaften, Germanistik, Grafikdesign/Buchkunst und Bildende Kunst studiert und seine Werke im In- und Ausland ausgestellt, zuletzt im Herbst 2019 in Sankt Petersburg.
Mehr Informationen zu den Arbeiten und Veröffentlichungen findet Ihr unter fabianreimann.de

 

Autorin: Kathrin Töpfer

Lektorat: Emilia Scheiba, Clara Rothe

Bildquelle: Spinnerei Leipzig

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