Das Thema „Künstliche Intelligenz” wird in der Verlagsbranche seit einigen Jahren intensiv diskutiert. KI gilt als Hoffnungsträger für effizientere Arbeitsprozesse, neue Produktideen und eine bessere Anpassung an digitale Märkte. Gleichzeitig bestehen Unsicherheiten, etwa im Hinblick auf Qualität und Glaubwürdigkeit sowie rechtliche Fragen. Im Rahmen des Moduls „Electronic Publishing IV” haben wir uns deshalb mit der Frage beschäftigt, wie Verlage heute tatsächlich mit KI umgehen und inwieweit sich die hohen Erwartungen bereits in der Praxis widerspiegeln.
Um dieser Frage nachzugehen, haben wir eine Marktforschung durchgeführt und verschiedene deutsche Verlage zu ihrem Einsatz von KI befragt. Dabei orientierten wir uns an der klassischen Wertschöpfungskette des Verlagswesens und untersuchten, wie KI in den Bereichen Marketing, Content, Produktion und Vertrieb genutzt wird. Unser Ziel war es, nicht nur einzelne Anwendungen zu betrachten, sondern ein möglichst ganzheitliches Bild des aktuellen KI-Einsatzes zu erhalten.
Ein zentrales Ergebnis der Befragung ist, dass alle teilnehmenden Verlage bereits KI einsetzen. Auf den ersten Blick zeigt sich damit eine hohe Offenheit gegenüber neuen Technologien. Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass der Einsatz häufig punktuell erfolgt und nur selten Teil einer klaren, langfristigen Strategie ist. Viele Verlage experimentieren mit einzelnen Tools oder Anwendungen, ohne diese systematisch in ihre Arbeitsabläufe zu integrieren. Gleichzeitig erwarten nahezu alle Befragten, dass KI die Verlagsbranche in Zukunft stark verändern wird – auch wenn konkrete Planungen für den weiteren Ausbau oft noch fehlen.
Der Einsatz von KI ist besonders im Content-Bereich präsent. Hier wird sie unter anderem zur Textunterstützung, für Übersetzungen, zur Korrektur sowie für Illustrationen und die Covererstellung genutzt. Vor allem Sach- und Wissenschaftsverlage berichten in diesem Zusammenhang von spürbaren Effizienzgewinnen und erleichterten wiederkehrenden Arbeitsprozessen. In der Belletristik fällt der KI-Einsatz dagegen deutlich
zurückhaltender aus. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass insbesondere qualitative Anforderungen und Vorbehalte gegenüber automatisierten Inhalten eine Rolle spielen.
Auch in der Produktion zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Segmenten. Während wissenschaftliche Verlage KI beispielsweise für strukturierte Produktionsprozesse wie die Bearbeitung von XML-Daten einsetzen, spielt sie in der Belletristik eine untergeordnete Rolle. Im Vertrieb profitieren vor allem größere Verlage von KI-gestützten Auswertungen, etwa bei Verkaufsdaten oder der Lager- und Absatzplanung. Kleinere Verlage nutzen diese Möglichkeiten bislang deutlich seltener, was häufig mit fehlenden Ressourcen zusammenhängt.
Als zentrale Herausforderungen im Umgang mit KI nennen viele Verlage Unsicherheiten bezüglich der Qualität KI-generierter Inhalte, fehlendes Fachwissen und begrenzte finanzielle Mittel. Besonders kleinere Verlage sehen sich hier mit großen Hürden konfrontiert. Zudem wird rechtlichen Fragen unterschiedlich begegnet: Während vor allem größere Verlage aktiv Maßnahmen ergreifen, um Verlags- und Autor:innenrechte gegenüber der Nutzung durch KI zu schützen, sind kleinere Häuser deutlich zurückhaltender. Gleichzeitig bleibt ein gewisses Misstrauen gegenüber KI-generierten Inhalten bestehen, insbesondere im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit von Verlagen und ihren Publikationen.
Die Ergebnisse unserer Marktforschung wurden am 06.02.2026 im Rahmen der future!publish vorgestellt und dort gemeinsam diskutiert. Insgesamt zeichnen sie ein ambivalentes Bild: KI ist im Verlagswesen angekommen und wird in vielen Bereichen genutzt, ihr Potenzial wird jedoch bislang nur teilweise ausgeschöpft. Viele Verlage befinden sich noch in einer Phase des Ausprobierens und Lernens. Zwischen großen Erwartungen und einer vorsichtigen Umsetzung zeigt sich, dass der Weg zu einem strategischen und verantwortungsvollen KI-Einsatz noch am Anfang steht.
Autor*in: Vivienne Schreiter