„Heuchler-Leser, die behaupten, sie fänden keine Zeit zum Lesen“

© Renate von Mangoldt

Durch die komplexe Sprache, die sich in Ihrer Literatur wiederfindet, schränkt sich Ihre Zielgruppe ein. Schreiben Sie nur für eine akademische Gesellschaftsklasse?

Es ist ein Irrtum zu glauben, man werde durch eine akademische Ausbildung zum Leser. Man wird durch Lesen zum Leser. Lesen können die meisten. Je mehr sie, konzentriert – lesen, desto größer wird ihr Wortschatz, desto größer wird ihr Verständnis, desto mehr Synapsen vernetzen sich.
Ich glaube, es war Einstein, der gesagt hat: Mache die Dinge so einfach wie möglich, aber nicht einfacher. Komplexe Sachverhalte bedeuten komplexe Strukturen, alles andere heißt den Leser und sich selbst für dumm verkaufen. Ich halte den Leser lieber für klüger als er ist als für dümmer. Und es gibt eine Lesergruppe, an der ich nolens/volens vorbei schreibe: Das sind die Heuchler-Leser, also die, die behaupten, sie fänden keine Zeit zum Lesen und seien in den zehn Minuten vor dem Schlafengehen, die sie dafür opfern, nach einem anstrengenden und fordernden Tag nicht mehr in der Lage, „schwieriges“ oder „komplexes“ zu ertragen. Das ist aber keine Frage der akademischen Ausbildung oder Gesellschaftsklasse, sondern eine höchst individuelle der persönlichen Zeitökonomie. Allerdings gebe ich zu, dass der leidenschaftliche Leser, der ich selbst bin und für den ich schreibe, eine Spezies ist, die, wenn sie auch nicht vom Aussterben bedroht ist, doch nicht größer wird, obwohl doch alle unsere Entwicklung der letzten hundert Jahre dahin geht, dass man weniger arbeitet und mehr „freie“ Zeit hat. Das beruht auf dem fatalen Irrtum, Lesezeit der Zeit der Zerstreuung zuzuschlagen.

Das Interview mit Michael Kleeberg führte Sarah Killian.

www.michaelkleeberg.de

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