Kantersieg für die brasilianische Buchbranche?

In diesen Tagen dreht sich alles um die schönste Nebensache der Welt, die in einem Land zelebriert wird, das sich wie kaum ein anderes dafür begeistert. Farbenfrohe Bilder von feiernden Menschen flimmern über die Fernseher. Am Rande davon immer wieder Berichte von sozialen Unruhen: Proteste für mehr Gerechtigkeit. Geradezu paradox erscheint die Bevölkerung – teils schwimmend auf einer Welle der Euphorie für ihr Land, teils enttäuscht von der Politik ihres Staates. Was für eine Kultur steckt hinter diesem Volk und wie entwickelt sich insbesondere die Buchbranche dort im Moment?

FlaggeNoch vor wenigen Jahren war Brasilien ein einziges Wirtschaftswunder mit Wachstumsraten von über 8%, steigender Bevölkerungsrate und vielen Unternehmensneugründungen. Doch mittlerweile ist das fünftgrößte Land der Welt an seine Grenzen gestoßen: Korruption, wirtschaftliche Missstände und die immer noch große Kluft zwischen Arm und Reich werden von der Bevölkerung angeprangert. Die Fußball-Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele 2016 sollen die Konjunktur wiederbeleben.

Aber nicht alle Teile der brasilianischen Wirtschaft stagnieren derzeit: Die Buchindustrie sticht mit einem Wachstum von 7% im Jahr 2011 und 4% im Jahr 2012 positiv hervor. Laut der Studie Retratos da Leitura no Brasil wurde ein deutlicher Anstieg der Lesehäufigkeit festgestellt. 2012 hat die brasilianische Buchindustrie, die 50% aller Bücher Lateinamerikas produziert, 1,84 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Zwar gibt es dort keine Buchpreisbindung, aber dafür genießen Bücher das Privileg, von der Umsatzsteuer befreit zu sein. Brasiliens Buchbranche schaut auch weiterhin optimistisch in die Zukunft: Die Anzahl der Universitäten nimmt zu und der digitale Bereich, der bis dato von Apple dominiert wird, bietet noch viele Wachstumsmöglichkeiten.

Die Regierung ist der größte Buchkäufer

Bis vor nicht allzu langer Zeit war Lesen in Brasilien ein Privileg der Elite. Noch gibt es kaum Lesekultur im Straßenbild und Analphabetismus ist verhältnismäßig weit verbreitet. Nun professionalisiert sich der Markt. Als Europäer kann man nur neidvoll die Eröffnungen von Großflächenbuchhandlungen und kleinen unabhängigen Läden beobachten. Am stärksten wachsen der Lehrbuchbereich und der Kinder- und Jugendbuchmarkt. Die Gründe hierfür liegen hauptsächlich bei den Maßnahmen der brasilianischen Regierung, die das marode Bildungssystem modernisieren will. So kauft der Staat Bücher an und verteilt diese an Schulen – und sorgt damit für ein Viertel der gesamten Buchumsätze des Landes.

An Universitäten wird die Literatur sehr wichtig genommen. Eine stolze Anzahl von 2176 Doktoren beschäftigt sich an den Hochschulen Brasiliens mit dem Literaturbetrieb des Landes. Außer den Schulen und Universitäten übernehmen Buchmessen die Funktion der Verbreitung von Lesekultur. Literaturfestivals, Messen und Lesefeste mit musikalischem und tänzerischem Beiprogramm erfreuen sich einer sehr großen Beliebtheit.

Ein Priester wird zum Medienstar

Brasilien hat eine dynamische und vielfältige Literaturszene, die durchaus mehr zu bieten hat, als den großen Star Paulo Coelho, dessen Bücher weltweit 145 Millionen Mal verkauft wurden. Aus Brasilien stammt beispielsweise auch Patrícia Melo, die aktuelle Preisträgerin des LiBeraturpreises, der auf der Leipziger Buchmesse an Autoren aus dem afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Raum verliehen wird. Die Bestsellerlisten werden meist von populären Titeln wie den Shades Of Grey-Romanen und von internationalen Autoren wie Dan Brown dominiert. Absatzstärkster Titel 2013 wurde aber dann doch ein einheimisches Buch: Kairós, der Titel eines katholischen Priesters, der nicht nur Bücher schreibt, sondern auch in Fernseh- und Radioshows auftritt und in Brasilien als Megastar gefeiert wird.

Nur wenige brasilianische Autoren können vom Schreiben leben. Mit den Literaturfestivals ist eine künstlerische Szene rund um den Literaturbetrieb entstanden, die manche ihrer Autoren wie die Fußballstars im Moment feiert. Bei einigen Lesungen ist der Publikumsandrang nicht mehr zu bewältigen. Von einem Lesefestival in einem Dorf am Meer spricht man schon als „literarisches Disneyland Brasiliens“. Dank solcher Veranstaltungen, bei denen sich Lesungen, Konzerte und Partys aneinanderreihen, können einige Schriftsteller genügend Geld verdienen. Nur mit dem Verkauf seiner Bücher kann kaum einer seine Ausgaben decken.

Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner

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Seit 1970 findet jährlich die Bienal Internacional do Livro de São Paulo statt, die größte Buchmesse Brasiliens mit in den letzten Jahren jeweils etwa 750.000 (!) Besuchern (zum Vergleich: Die Frankfurter Buchmesse hatte 2013 etwa 280.000). Ein Schwerpunkt deMessen ist immer der Kontaktgewinn mit ausländischen Verlagen und die Verbesserung der Zusammenarbeit mit anderen Ländern. Diese Zusammenarbeit wächst im Moment stetig. Mit dem Kauf der großen Verlagsgruppe Santillana Ediciones Generales setzt Penguin Random House ein Zeichen für die Zukunft. Auch Deutschland und Brasilien arbeiten immer enger zusammen. Brasilien war 2013 das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse und hat für diesen Auftritt rund 7 Millionen Euro investiert. Die Frankfurter Buchmesse hat Anfang dieses Jahres die Konferenzreihe CONTEC Brasil in mehreren Städten in dem lateinamerikanischen Land durchgeführt. Es ging dabei hauptsächlich um den Bereich Bildung, der erweitert werden soll. Die Zahl der Übersetzungen und anderen Lizenzvergaben zwischen den beiden Ländern steigt. Gesamtwirtschaftlich gesehen ist Deutschland der viertwichtigste Handelspartner Brasiliens. Man sieht: die Verbindung von Deutschland nach Brasilien floriert. Na, wenn das kein gutes Zeichen für unsere Fußballjungs ist!

von Jana Kapfer

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