Praktika in der Verlags- und Medienbranche – schlecht und unbezahlt?

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Praktika sind innerhalb der letzten Jahre zunehmend in Verruf geraten, auch in der Verlags- und Medienbranche. Ehemalige Praktikanten wettern in Blogs über schlecht- oder unbezahlte Praktika . Arbeitgeber in Medienunternehmen sehen sich mit den Vorwürfen konfrontiert, dass sie in vielen Fällen Praktika nicht mehr als Chance verstehen, künftige Mitarbeiter kennenzulernen, sondern als Möglichkeit, Arbeitsplätze mit niedrig oder gar nicht bezahlten Arbeitskräften zu besetzen. Haben Praktikanten in der Verlags- und Medienbranche wirklich keine Wahl? Wie sieht die Realität aus?

Ein Praktikum soll Schülern, Studenten oder Auszubildenden die Gelegenheit geben, in einen Beruf hinein zu schnuppern. Doch die Nachfrage nach Praktikumsplätzen in der Verlagsbranche ist groß. Der klassische Praktikant muss theoretisch weder Fachkenntnisse noch Erfahrungen mitbringen und hat so keine Leistungsverpflichtung. Dauert aber das Praktikum länger als 3 Monate, ist es wahrscheinlich, dass ein Praktikant berufstypische Tätigkeiten übernimmt, die denen einer regulären Fachkraft entsprechen.

 Die Grenzen zwischen Volontariat und Praktikum verschwimmen zusehends. Schulabgänger, aber auch qualifizierte Studenten und Absolventen führen in Verlagen und anderen Medienbetrieben Tätigkeiten eines normalen Mitarbeiters aus, für ein Praktikantengehalt, von dem sich nicht leben lässt – dies zumindest ist der Eindruck, der innerhalb kürzester Zeit entsteht, wenn man sich ein wenig näher mit diesem Thema befasst. Ist das Phänomen der gar nicht oder schlecht bezahlten Praktika ein einfaches Problem von Angebot und Nachfrage? Wagen es künftige Praktikanten nicht, beim Vorstellungsgespräch über die Vergütung zu verhandeln, weil sie wissen, dass hinter der Tür schon zehn weitere Anwärter warten, die das Praktikum für lau machen würden?

Wer einen Praktikumsplatz in einem Verlag bekommt, muss vielleicht eine gewisse Zeit in einer anderen Stadt verbringen, eine Wohnung oder ein WG- Zimmer, Fahrt- und Lebenserhaltungskosten stemmen. Was für Möglichkeiten bleiben bei einem unbezahlten Praktikum? Ein Nebenjob, ein Studentenkredit aufnehmen, von Ersparnissen oder aus der Tasche der Eltern leben? Wo beginnt in einem Praktikum die Ausbeutung des Praktikanten?

Die künftige Praktikantin Sarah Beyer* studiert „Buchhandel- und Verlagswirtschaft“ an der HTWK in Leipzig und wird in wenigen Monaten ein halbjähriges, unbezahltes Praktikum in der Vertriebs- und Marketingabteilung eines kleinen Kinderbuchverlags beginnen. Nicht, weil sie keine bezahlte Stelle bekommen, sondern weil sie sich bewusst für diesen Verlag entschieden hat. Sie sieht ihrem Praktikum mit Vorfreude entgegen. Kleine Verlage können es sich zwar noch weniger leisten, ihre Praktikanten zu entlohnen, doch wird sie dafür, nicht etwa wie in einem der großen Verlage, die Gelegenheit haben, alle Abläufe und Bereiche eines Verlages kennenzulernen. Einen Untermieter für ihre Wohnung in Leipzig hat sie bereits gefunden. Geld war für sie nicht das Hauptkriterium bei der Auswahl des Verlages – sie wirkt zuversichtlich, was die Finanzierung ihres Praktikums angeht. „Ich bekomme kein Bafög, aber meine Eltern unterstützen mich ein wenig. Außerdem hoffe ich, wieder das Deutschlandstipendium zu bekommen.“ Ansonsten muss wohl ein Nebenjob her.

Aber das Gefühl, dass es schwierig oder gar unmöglich sei, ein bezahltes Praktikum in einem Verlag zu finden, hatte sie nicht. Eine andere Studentin bestätigt: „Das gefühlte Verhältnis von bezahlten und unbezahlten ausgeschriebenen Praktikumstellen ist in etwa 50 zu 50.“

Doch wie könnte ein Kompromiss der Verlagsinteressen und denen des Praktikanten aussehen?
Sarah findet: „Nach zwei, drei Monaten, wenn der Praktikant sich in seiner Abteilung auskennt, halte ich eine Aufwandsentschädigung von zwischen 200 und 400 Euro für angemessen. Mehr wäre gar nicht so gut, schließlich müssten die Studenten dann ihre Krankenversicherung selbst zahlen. Aber kleine Verlage, die nur von ihren Praktikanten leben und jedes halbe Jahr sechs, sieben neue Praktikanten bekommen, könnten diese noc
h anderweitig unterstützen – bei der Wohnungssuche zum Beispiel!“

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Einen Einblick in das Thema aus der Arbeitgeberperspektive gewährt für diesen Artikel Wolf Dreher*. Er ist selbstständig und sein eigener Chef – in seinem „Ein-Mann-Unternehmen“ berät er Medienunternehmen und Verlage in den Bereichen PR und Marketing und hat unterschiedlichste Erfahrungen mit Praktikanten gesammelt.  „Der Trend der zunehmenden gering- oder unbezahlten Praktikanten in der Buch- und Medienbranche ist vollkommen natürlich und Teil einer ganz normalen Marktentwicklung. Wenn ein Praktikum ausgeschrieben wird, inklusive aller Modalitäten, dann ist das ein Angebot, welches auf dem Arbeitsmarkt gemacht wird. Niemand ist gezwungen dieses anzunehmen.

 Ich habe keinerlei Verständnis für Praktikanten, die sich bewusst für ein Praktikum entscheiden und dann über schlechte oder fehlende Bezahlung klagen. Die Bedingungen müssen immer vorher geklärt sein. Wenn jemand ein solches Praktikum annimmt, dann nimmt er ein Angebot wahr und verwirkt damit das Recht, nachträglich etwas zu fordern. Hier spielt die Eigenverantwortung eine Rolle!

Ein bezahlter Praktikant mit Spezialaufgaben in einem Unternehmen zu sein ist für die meisten sicherlich das attraktivste Angebot. Praktikanten haben einerseits die Chance, wertvolle Erfahrungen zu sammeln und können darüber hinaus auch noch Geld verdienen. Ein solches Praktikum kann durchaus das Sprungbrett in eine Festanstellung sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese Praktikanten sehr motiviert sind und je nach mitgebrachter Qualifikation recht schnell Teil des Teams werden können.

Unbezahlte Praktika mit Spezialaufgaben sind insbesondere für Menschen interessant, die sich sehr konkret spezialisieren möchten und ihre finanziellen Interessen erst einmal hinten anstellen können.

Bezahlte Praktikanten mit Standardaufgaben sehen in der Regel ihr Praktikum als einen Job. Sie kommen in die Firma, machen ihre Arbeit und gehen wieder nach Hause. Meist werden sie gar nicht von der Unternehmensführung wahrgenommen und wie reguläre Nebenjobber behandelt. Diese Art von Praktika ist oftmals für diejenigen interessant, die ihr Praktikum “schnell ableisten” wollen. Der Praktikant arbeitet, verdient Geld und bekommt dann seine Beurteilung. Nicht mehr und nicht weniger.

Bei unbezahlten Praktikanten mit Standardaufgaben ist das Missbrauchspotential am höchsten. Diese Praktikanten werden – ganz offen gesagt – lediglich als kostenlose Arbeitskräfte eingesetzt. Ich habe oft erlebt, dass in den Lagerhallen unbezahlte Praktikanten arbeiten, die lediglich Paletten packen oder Reinigungsarbeiten durchführen. Leider wächst dieser Anteil an Praktikanten immer mehr. Zu bedenken ist hierbei aber, dass ein erfolgreicher Unternehmer durchaus weiß, dass es wesentlich “billiger” ist, einem solchen Praktikanten z.B. 400 € im Monat zu zahlen, als den Imageverlust in Kauf zu nehmen und am Ende als Ausbeuter dazustehen.“

 Alles in allem kann man sagen: Es ist kein Ding der Unmöglichkeit, ein bezahltes Praktikum in der Verlags- und Medienbranche zu finden. Es liegt zu einem großen Teil dann am Praktikanten, wie reich er aus seinem Praktikum herausgeht – ob reich an Geld, an Erfahrungen oder Beziehungen. Auch wenn es sich die Buchbranche im Moment nicht leisten kann, jedem Praktikanten Aufwandsentschädigungen nach seinen Wunschvorstellungen zu zahlen – jeder sollte die Chance auf Bezahlung haben und mit guter Arbeit auch mehr zu verdienen. Aber niemand hat automatischen Anspruch auf gute Bezahlung.

*Name geändert

Autor: Flora Ihlau

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