„Schätzungsweise 90% der Buchproduktion sind absolut überflüssig und verzichtbar.“

© Renate von Mangoldt

Immer wieder wird auf die nicht gerade rosige Zukunft der Verlagsbranche hingewiesen. Hat das Buch Ihrer Meinung nach noch eine Zukunft?

Ich bin kein Prophet, ich habe mich immer sehr viel mehr für die Vergangenheit als für die Zukunft interessiert (die automatisch kommt) und tue mich sehr schwer mit Vorhersagen, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.
Dies vorausgeschickt, muss man sagen: Es gibt ja nicht weniger, sondern immer mehr Bücher. Ein gebildeter Deutscher um 1800 konnte noch die gesamte Jahresproduktion innerhalb des Erscheinungsjahres lesen, wenn ihm danach war. Auch im Vergleich zur Situation von sagen wir 1950 ist die Buchproduktion exponentiell angeschwollen. Schätzungsweise 90% dieser Produktion sind absolut überflüssig und verzichtbar. Von den restlichen 10% muss ein großer Anteil nicht als Buch erscheinen, sondern kann ebensogut in elektronischer Form sein Dasein fristen.
Worum mir überhaupt nicht bange ist, das ist das Erzählen und Lesen (oder Hören) von Geschichten, von Literatur. Das gibt es, seit es Menschen gibt, und wird es geben, solange es Menschen gibt. Das ist so notwendig wie die Religion und der Sex. Das Buch als Träger der Fabel, wie wir es kennen, ist in dieser Zeitspanne eine relativ junge Erfindung. Aber auch eine ziemlich geniale. Meine persönliche Meinung ist, dass das schöne, handwerklich qualitativ hochwertig hergestellte, gebundene Buch eine Aura besitzt, die von keinem anderen Lesemedium erreicht wird und dass es daher noch sehr lange Menschen geben wird, die in einem Buch lesen wollen. Meine persönliche Spekulation wäre, dass eher die lieblos massengefertigten broschierten Bücher dran glauben müssen, die ohne ästhetischen und handwerklichen Mehrwert.
Soviel zur Frage nach dem Buch. Die Zukunft der Verlagsbranche ist ein anderes Problem, das sich nur teilweise mit dem ersten deckt. Und sie hängt ab von der Frage, wer was auf welche Weise lesen will und wie der Verlag es schafft, das, was es wert ist zu erscheinen, anbieten zu können, ohne dadurch pleite zu machen. Ich kenne da keine pauschale Antwort, nur Einzelbeispiele, die zeigen, das es gehen kann.

Wo sehen Sie als Schriftsteller den deutschen Buchmarkt in 10 Jahren?

siehe letzte Frage
Meine ganze Solidarität gilt in diesem Bereich dem unabhängigen, inhabergeführten, literarisch ambitionierten Sortimentsbuchhandel. Gerade in Zeiten des globalen Plappermediums Internet 2.0 ein Garant für die Vermittlung guter Bücher an die Leser. Hier etwas zu tun, damit diese akut gefährdete und von Aussterben bedrohte Spezies erhalten bleibt, halte ich für eine dringliche Aufgabe auch für Schriftsteller.

Das Interview mit Michael Kleeberg führte Sarah Killian.

www.michaelkleeberg.de

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