Die Geschichte der LGBTQIA+ Community in Deutschland – 1871 bis Heute

 

Autorin: Jolyn Stenschke

LGBTQIA+. Ob es nun um die eigene Geschlechtsidentität oder die sexuelle Orientierung, das Interesse oder eben kein Interesse an einer romantischen Beziehung oder an Sex geht, in der LGBTQIA+ Community ist es bunt, wild und vielfältig. Diese aus dem englischen stammende Abkürzung steht dabei für lesbische, schwule, transgender-/transsexuelle, queere, intersexuelle und asexuelle Menschen. Das Pluszeichen oder auch das Gendersternchen dienen als Platzhalter für weitere Geschlechtsidentitäten.

 

Die LGBTQIA+ Community

Seit langer Zeit schon müssen Menschen, die dem heteronormativen Bild der Gesellschaft nicht entsprechen, Hass, Diskriminierung und Vorurteile ertragen. Früher wurden sie in Deutschland verfolgt, ausgestoßen, angegriffen und/oder verhaftet. Erst in den 1990ern lichtete sich der Nebel und sukzessive werden LGBTQIA+ Menschen in der deutschen Gesellschaft anerkannt. Doch was genau haben sie bis heute alles erlebt? Wie war es für queere Menschen in der NS-Zeit oder während der AIDS-Krise? Für den diesjährigen Pride Month wollen wir uns eine kleine Übersicht verschaffen und einen Blick zurück in die deutsche Geschichte werfen.

 

Anmerkung: Selbstverständlich reicht die Geschichte von nicht-heterosexuellen, nicht-cisgeschlechtlichen Menschen deutlich weiter zurück als bis ins 19. Jahrhundert. Um jedoch eine bessere Übersicht zu erhalten und besonders die zuletzt geschehenen Ereignisse betrachten zu können, sehen wir uns daher gemeinsam nur diese Zeitspanne an. Dabei ist weiterhin zu beachten, dass die Ereignisse hier kurz und knapp zusammengefasst sind und nicht alle Details der einzelnen Jahre beinhalten.

 

Die deutsche Geschichte der LGBTQIA+ Community

1871 – Der Paragraph 175

Wir beginnen mit dem Paragraphen 175, der 1871 im Deutschen Kaiserreich eingeführt wurde und sexuellen Kontakt zwischen Männern unter Strafe stellte. Zu dieser Zeit und noch viele Jahrzehnte danach galt männliche Homosexualität als Krankheit bzw. psychische Störung, gegen die vorgegangen werden musste. Weibliche Homosexualität wurde nicht unter Strafe gestellt und auch später zur NS-Zeit ist wenig über die Situation lesbischer Frauen bekannt. Der Paragraph 175 ist der Grund, warum homosexuelle Männer über Jahrzehnte als „175er“ bezeichnet wurden.

 

1897 – Gründung des WhK

Das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) wurde vom Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld sowie Max Spohr, Franz Joseph von Bülow und Eduard Oberg gegründet und gilt als weltweit erste Organisation, die sich für die Gleichberechtigung Homosexueller und gegen antihomosexuelle Strafgesetze einsetzt. So wurde Hirschfeld zur Symbolfigur der homosexuellen Bürgerrechtsbewegung. Er gründete 1919 das „Institut für Sexualwissenschaften“ und verfasste mit seinen Mitarbeitern zahlreiche Texte zu Themen wie Geschlechtsidentität und Sexualität.

 

1918 bis 1933 – Die Weimarer Republik

Zu dieser Zeit gab es erste Versuche, den Paragraphen 175 zu mildern bzw. ganz abzuschaffen, die allerdings  erfolglos blieben. Trotz dessen bildeten sich Treffpunkte, Lokale und Vereine für homosexuelle Personen.

 

Ab 1935 – Rosa Listen und Konzentrationslager im Nationalsozialismus

Der Paragraph 175 wurde unter nationalsozialistischer Herrschaft deutlich verschärft. Fortan reichte allein ein Verdacht aus, um in ein Gefängnis oder Zuchthaus zu kommen, in extremen Fällen konnte man sogar in ein Konzentrationslager verschleppt werden. Die systematische Verfolgung homosexueller Männer nahm neue Ausmaße an. Brutale Razzien fanden statt, die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexuellen und der Abtreibung wurde gegründet. In den Konzentrationslagern erhielten Homosexuelle eine besondere Kennzeichnung an ihrer Häftlingskleidung in Form von aufgenähten rosa Dreiecken – die sogenannten „Rosa Winkel“, die sie als homosexuell identifizierten. Viele von ihnen wurden auf gerichtliche Anordnung hin kastriert und die meisten überlebten die Konzentrationslager nicht. Darüber hinaus begann verschärft die Führung von „Rosa Listen“, in denen Daten von Homosexuellen gesammelt wurden, wodurch diese leichter verfolgt und verhaftet werden konnten. Wie für lesbischen Frauen ist auch zur Situation von transgeschlechtlichen Personen in der Zeit des Nationalsozialismus wenig bekannt.

 

Ab 1949 – DDR und BRD

In der DDR wurde entschieden, dass die verschärfte Version des Paragraphen 175 unrecht sei. Stattdessen  verwendete man die Originalversion aus dem Kaiserreich  – bis zur Einführung des neuen Strafgesetzbuchs im Jahr 1968. In diesem befand sich dafür der Paragraph 151, der bis 1988 sexuelle Handlungen von schwulen Männern wie auch lesbischen Frauen mit Minderjährigen strafbar machte.

Anders ging es in der BRD zu. Diese beschloss, die brutale nationalsozialistische Verfolgung von Homosexuellen weiter fortzusetzen. Überlebende der Konzentrationslager wurden wieder eingesperrt und die “Rosa Listen” bis in die achtziger Jahre von der BRD und auch der DDR weitergeführt.

 

1969 – Die Stonewall-Riots in den USA

Ein kurzer Sprung über den Atlantik in die Christopher Street in New York City: Das Stonewall Inn ist eine bekannte Bar für die LGBTQIA+ Community, wo sich vor allem Dragqueens, queere und trans* BIPoC (Schwarze, Indigene und nicht-weiße Menschen) trafen. Da das Stonewall Inn keine Schanklizenz besaß, ist es immer wieder Opfer von Polizei-Razzien geworden. So wurde auch am 28. Juni 1969 eine Razzia durchgeführt, kurz nach der Beerdigung von Schauspielerin Judy Garland, welche eine Ikone der Schwulen-Bewegung war. Doch diesmal ließen die queeren Gäste des Stonewall Inns sich die brutale Behandlung durch die Polizei nicht gefallen und wehrten sich. Der Aufstand wurde zur Geburtsstunde des „Gay Pride“ und der Christopher Street Day (CSD) entstand.

 

1970er – Nachhall des Stonewall-Aufstands in Deutschland

Nach dem Stonewall-Aufstand gründeten sich schwule Studierendengruppen und die ersten Demonstrationen begannen. Homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen wurden bereits seit einigen Jahren nicht mehr strafrechtlich verfolgt und der Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ von Rosa von Praunheim machte 1971 sein Debüt bei den Internationalen Filmfestspielen von Berlin.

 

1980er – Die AIDS Krise

Die Immunschwächekrankheit AIDS erreichte Deutschland am Anfang der 80er und löste Panik in der Bevölkerung aus. Nachrichtenmagazine wie Der Spiegel, Lokalblätter und die Boulevardpresse lenkten den Blick der Bevölkerung auf homosexuelle Männer und schürten mit dem dramatisierten Ton ihrer Berichte Angst und Aufruhr. AIDS wurde u. a. als „Schwulenseuche“ oder „Schwulenpest“ bekannt und Homosexuelle wurden die Schuldigen der Epidemie, während sie selbst gleichzeitig am meisten darunter litten.

Weiterhin fand zur Zeit der AIDS-Krise die sogenannte Kießling-Affäre statt – ein Skandal in der Bundeswehr, bei dem der General und stellvertretende NATO-Oberbefehlshaber Günter Kießling der Homosexualität verdächtigt und daraufhin entlassen wurde.

1980 war ebenfalls das Jahr, in dem das Transsexuellengesetz (TSG) verabschiedet wurde, dass es trans* Menschen möglich macht, ihr rechtliches Geschlecht und ihren Vornamen zu ändern. Es steht jedoch heute stark in der Kritik, da es laut trans* Personen entwürdigend sei. Einzelne Regelungen wurden zudem vom Bundesverfassungsgericht über die Jahre hinweg als verfassungswidrig erklärt.

 

1990 – Homosexualität und der LSVD

In diesem Jahr beschloss die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten zu streichen. Des Weiteren gründeten Aktivisten der schwulen Bürgerrechtsbewegung in Leipzig den „Schwulenverband in der DDR“, welcher heute als Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) bekannt ist.

 

1994 – Das Ende von Paragraph 175

Nach der Wiedervereinigung der DDR und BRD wurde der Paragraph 175 im März 1994 endlich aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

 

2001 – Das Lebenspartnerschaftsgesetz

Zum ersten Mal wurden gleichgeschlechtliche Partner:innenschaften mit dem Inkrafttreten des Lebenspartnerschaftsgesetzes rechtlich anerkannt.

 

2002 – Verurteilungen aufgrund von Paragraph 175 vor 1945

Nach langen Debatten wurden alle vor 1945 ausgeführten Verurteilungen, die auf Paragraph 175 begründet waren, aufgehoben.

 

2017 – Die Ehe für Alle und Verurteilungen nach 1945

Seit dem 1. Oktober 2017 ist es gleichgeschlechtlichen Paaren erlaubt, zu heiraten. Weiterhin hob der Bundestag alle nach 1945 ausgesprochenen Urteile auf Basis des Paragraphen 175 auf.

 

2018 – „Divers“

Intergeschlechtliche Personen haben die Möglichkeit, beim Eintrag ins Personenstandsregister „divers“ als Option zu wählen.

 

2020 – Konversionstherapien sind verboten

Ein Gesetz zum Verbot von Konversionstherapien wurde verabschiedet.

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Ein Blick auf die Community heute

Wie wir sehen können, ist in den letzten Jahrzehnten viel passiert. LGBTQIA+ Personen besitzen mittlerweile mehr Rechte und gesellschaftliche Anerkennung. Dies heißt jedoch noch lange nicht, dass der Kampf um Gleichberechtigung vorbei ist. Noch immer wird nach der Abschaffung des Transsexuellengesetzes und einer Reform im Abstammungsrecht verlangt, sodass trans* Menschen nicht mehr diskriminiert werden und zukünftig lesbische Ehepaare nicht erst den Weg der aufwendigen Stiefkindadoption gehen müssen, damit auch die Ehefrau der leiblichen Mutter das Sorgerecht über ihr gemeinsames Kind bekommt. In der Literatur und den Medien ist die LGBTQIA+ Community ebenfalls in ihrer Fülle noch immer nur wenig repräsentiert und in vielen Computer- und Videospielen gibt es weiterhin nur die Option zwischen zwei Geschlechtern zu wählen. Die Bezeichnungen „schwul“ und „lesbisch“ werden vereinzelt nach wie vor als Schimpfwort verwendet und Menschen mit den falschen Pronomen angesprochen. Im Fußball ist Homosexualität noch immer ein großes Tabu.

Um dem entgegenzuwirken und die LGBTQIA+ Community zu unterstützen, können wir uns belesen, mehr über z. B. Asexualität oder Aromantik lernen, gemeinsam gegen Feindseligkeit gegenüber queeren Personen stehen, ebenso wie  den Menschen um uns herum mit Offenheit und Respekt begegnen, um so einen Raum zu schaffen, in dem jede:r sich sicher genug fühlt, sie oder er selbst zu sein.

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Quellen:

 

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Frau – Mann – Divers: Die „Dritte Option“ und das AGG (o. D.): Antidiskriminierungsstelle des Bundes, [online] https://www.antidiskriminierungsstelle.de/DE/ueber-diskriminierung/lebensbereiche/arbeitsleben/dritte-option/Dritte_Option.html [abgerufen am 22.05.2022].

 

Ketelhut, Klemens/Dayana Lau (2019): Gender – Wissen – Vermittlung: Geschlechterwissen im Kontext von Bildungsinstitutionen und sozialen Bewegungen, 1. Aufl. 2019, Wiesbaden, Deutschland: Springer VS.

 

Köller, Kathrin/Irmela Schautz (2022): Queergestreift: Alles über LGBTIQA+, 1. Aufl., München , Deutschland: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG.

 

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