YA und NA Liebesromane – Traumbeziehungen mit bitterem Beigeschmack

Autorin: Jolyn Stenschke

Die Belletristik besitzt auf dem Buchmarkt in Deutschland mit 31,1 % im Jahr 2020 weiterhin den größten Umsatzanteil. Dabei ist besonders für Frauen eines der beliebtesten Genres der Liebesroman, der ihnen die Möglichkeiten bieten kann, sich fallen zu lassen in eine Welt aus neuen, beflügelnden Begegnungen, wärmenden Schauern und bunten Glücksgefühlen – und das Beste daran: Es gibt auf jeden Fall ein Happy End!

Doch wie ist das eigentlich mit diesen romantischen Beziehungen so für jüngere Leser:innen von YA und NA Romance Titeln? Schließen wir solch einen Liebesroman immer mit breitem Grinsen und leichtem Herzen oder kann die dargestellte Liebesbeziehung auch mal verzerrte Ansichten hinterlassen, wie eine gesunde Beziehung auszusehen hat?

 

Young Adult und New Adult

Oft werden Young Adult und New Adult Romane zusammen in eine Schublade getan, da es schwierig sein kann, innerhalb der fließenden Übergänge einen klaren Unterteilungsschnitt zu machen. Dabei gibt es meist einige wesentliche Unterschiede der beiden Genres.

Während in Young Adult Büchern die Protagonist:innen für gewöhnlich im Teenager:innenalter sind und demzufolge in den Tiefen ihrer Pubertät stecken, sind die Charaktere in New Adult Romanen zwischen 18 und 30 Jahren, bereits an der Uni bzw. auf dem College oder haben ihren ersten Job. Der klassische Schulalltag ist für sie Vergangenheit, stattdessen stehen sie schon mit einem Bein im Erwachsenenleben und somit auch vor zahlreichen neuen Herausforderungen. Themen wie Liebe, Freund:innenschaft und Selbstfindung haben in New Adult Romanen einen reiferen, erwachseneren Ton und Sexszenen werden oft expliziter beschrieben.

 

Toxische und ungesunde Liebesbeziehungen

Für die Bezeichnung „toxische Beziehung“ gibt es keine klare Definition, trotz dessen wird der Begriff zunehmend verwendet und öffentlich über eine solche Art von Beziehung diskutiert. Meist wird dabei ein ungesundes Beziehungsmuster zwischen Partner:innen beschrieben, aus dessen Kreislauf es für das Paar beinahe unmöglich ist, sich zu lösen. Anders als bei einer gesunden Partner:innenschaft ist die Beziehungsdynamik hier nicht im Gleichgewicht und hat negative Auswirkungen auf das Leben des inferioren Partners bzw. der inferioren Partnerin, die sich psychologisch und physisch äußern können. Typische Merkmale einer solchen Beziehung sind u. a. ein ständiges Spiel von heiß und kalt – in einem Moment ist alles harmonisch und im nächsten bricht unvorhergesehen ein Streit aus. Weitere sind zudem eine starke Abhängigkeit von der anderen Person, Egoismus auf Seiten des toxischen Partners bzw. der toxischen Partnerin, Beleidigungen und Kritik sowie Eifersucht und besitzergreifendes Verhalten. Dabei ist zu beachten, dass auch Ansätze solcher Verhaltensmuster auf eine möglicherweise ungesunde Beziehung hindeuten können.

 

Liebesbeziehungen in der Literatur

Noch immer machen sich Young Adult und New Adult Romane des Öfteren damit schuldig, genau solche toxischen oder ungesunden Beziehungsmuster zwischen ihren Hauptcharakteren darzustellen. Ein bekanntes und weitvertretenes „Klischee“ in Liebesromanen ist der mysteriöse „Bad Boy“. Er ist für gewöhnlich tätowiert oder gepierct, hält sich nicht an die Regeln und ist zu Anfang kalt und abweisend gegenüber der Protagonistin. Dabei wird sein Handeln meist mit einer tragischen Vergangenheit gerechtfertigt, die sein unhöfliches Verhalten, oder gar seine aggressiven Ausbrüche entschuldigen soll.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Charakter Hardin Scott aus der New-Adult-Romanreihe After von Anna Todd. Neben ständigen Wiederholungen von Streit und Zuneigung, wird Hardin gegenüber der Protagonistin Tessa schnell beleidigend und laut, was wiederholend damit gerechtfertigt wird, dass er aufgrund seiner traumatisierenden Vergangenheit immer schon so gewesen ist und nur Zeit benötigt, um sich zu ändern.

Weiterhin kann die starke Abhängigkeit vom romantischen Partner bzw. der romantischen Partnerin ein Anzeichen einer potentiell ungesunden Beziehung sein, welche:r im Laufe eines Romans zunehmend der Mittelpunkt unseres gesamten Handelns wird, sodass unser Hauptcharakter am Ende nicht ohne ihn oder sie leben kann. Ein bekanntes Beispiel dafür wären die Charaktere Edward und Bella aus der Twilight-Reihe von Stephanie Meyer.

Ein zudem ebenfalls heikler Punkt ist, dass YA und NA Romane starke Eifersucht, die sich darüber hinaus sogar in kontrollierendem Verhalten äußern kann, gern romantisieren. So ist es möglich, dass die Protagonistin ausgefragt wird, wo und mit wem sie unterwegs war oder ihr wird gar von ihrem Partner verboten etwas zu tun. Gerechtfertigt wird dies üblicherweise mit der Angst des Partners die Protagonistin zu verlieren oder es wird wortlos als eine normale Form von Liebe und Zuneigung hingenommen. In seltenen Fällen kann dies sogar dazu führen, dass der eifersüchtige Partner gegenüber anderen handgreiflich wird und eine Schlägerei anfängt oder seine Statur dazu nutzt, um die Protagonistin vom Gehen abzuhalten, sie am Arm packt, mit sich zieht oder schubst. In Verbindung mit einer solchen Verhaltensweise wird manchmal die Vorstellung verwendet, dass die wahre Liebe die betreffende Person zum Guten verändern kann, was das Risiko birgt, dass ungesundes, toxisches Verhalten durch die Hoffnung auf Besserung immer wieder entschuldigt wird.

Natürlich sind Romane nicht die Realität und viele von uns tauchen in diese Geschichten ein mit der Fähigkeit, die beschriebenen Liebesbeziehungen nicht zu ernst zu nehmen und vom wahren Leben zu trennen. Doch genauso gut kann es sein, dass für manche junge Menschen die dargestellte Liebe zwischen den Seiten die einzige Repräsentation von einer glücklichen Liebesbeziehung ist, die sie haben. Junge Erwachsene und vor allem Teenager werden womöglich auf den Seiten eines Romans zum ersten Mal mit einer romantischen Beziehung konfrontiert. Daher sollte es ein wichtiges Anliegen sein, Beziehungen in YA und NA Romanen auf eine gesunde Weise darzustellen oder ungesunde Beziehungsmuster auch als solche zu betiteln, sodass klar ist, dass eine derartige Umgangssweise innerhalb einer Partner:innenschaft nicht in Ordnung ist.

Lektorin: Lisa Schweizer

 

Quellen:

Heidbrink, Horst/Helmut Lück/Heide Schmidtmann (2009): Psychologie sozialer Beziehungen, 1. Aufl., Stuttgart, Deutschland: Kohlhammer Verlag.

Piper Verlag (o. D.): New Adult, [online] https://www.piper.de/buecher/belletristik/new-adult [abgerufen am 07.05.2022].

Statista (2021): Umsatzanteile der Warengruppen im deutschen Buchhandel 2020, Statista, [online] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/71155/umfrage/umsatzanteile-im-buchhandel-im-jahr-2008-nach-genre/ [abgerufen am 07.05.2022].

Todd, Anna/Corinna Vierkant-Enßlin/Julia Walther (2015): After passion: AFTER 1 – Roman, Deutsche Erstausgabe, München, Deutschland: Heyne Verlag.

Toxic Relationships: The Experiences and Effects of Psychopathy in Romantic Relationships (2021): SAGE journals, [online] https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0306624X211049187 [abgerufen am 08.05.2022].

Warengruppen (o. D.): Börsenverein des Deutschen Buchhandels, [online] https://www.boersenverein.de/markt-daten/marktforschung/wirtschaftszahlen/warengruppen/ [abgerufen am 07.05.2022].

 

Bild:

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