Fanfictions – Wertschätzung oder Respektlosigkeit?

Fanfictions sind ein Thema, das häufig belächelt wird. Mit dem Begriff Fanfiction (auch Fanfiktion, Fangeschichte oder abgekürzt Fanfic) wird ein literarisches Werk bezeichnet, welches auf einem Originalwerk – nicht zwangsweise Bücher, auch Filme, Serien, Computerspiele etc. – beruht und von einem Fan dessen verfasst wird. In einer Fanfiction werden die ProtagonistInnen oder Welten des Originalwerkes in neuer Form betrachtet: Beispielsweise werden Ereignisse und Handlungsstränge dazuerfunden, Figuren hinzugedichtet oder weggelassen sowie Situationsumstände verändert. Die Grundidee von Fanfictions gibt es dabei schon sehr viel länger als gemeinhin angenommen. 

 

Über den Ursprung von Fanfictions 

Bereits vor Jahrtausenden, als Geschichten noch nicht aufgeschrieben, sondern vielmehr weitererzählt worden sind, hat man existierende Legenden inhaltlich geändert. Von vielen Werken ist mittlerweile nicht einmal mehr bekannt, wie das Original genau aussieht – stattdessen gibt es zahllose Variationen von ein und demselben Mythos, die so oder so interpretiert werden können. Fanfictions in ihrer ersten Form sind also grundlegend dadurch entstanden, dass menschliche Interaktion von dem Austausch und – beides hängt unausweichlich zusammen – auch dem Ausschmücken von Geschichten lebt. 

Das Konzept, Erzählungen schriftlich zu verändern, hat sich dagegen eher in den letzten Jahrhunderten verbreitet: Hat ein/e AutorIn zu lange für eine Fortsetzung gebraucht, oder ist diese nicht rechtzeitig überall angekommen, so haben sich damalige Fans eigene Enden ausgedacht und diese im kleinen Kreis herumgereicht. Fanfictions, wie man sie heute kennt, sind gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden. Zu dieser Zeit hat sich das Buch als Unterhaltungsmedium etabliert, auf das der Großteil der Bevölkerung Zugriff hatte. Neben den Büchern von Jane Austen ließen insbesondere die Romane von Arthur Conan Doyle in den 1930er Jahren eine Welle von Fanfictions entstehen, in welchen sich die Fans auch nach dem Tod des Autors noch weitere Kriminalfälle für Sherlock Holmes und Dr. John Watson ausdachten.  

In den siebziger Jahren haben sich Fanfictions vor allem in den Science-Fiction-Bereich eingegliedert und sind von der Star-Trek-Fangemeinde aus in andere Genres vorgedrungen. Die zunehmende Bedeutung von Film und Fernsehen spielten daher ebenfalls eine Rolle für die zunehmende Fankultur. Doch erst mit der Entstehung des Internets ab Ende der Neunziger haben Fanfictions endgültig an Popularität gewonnen und können auf globaler Ebene ausgetauscht werden.

Fanfictions bieten die Möglichkeit, bereits vorhandenes Material mit eigenen Einfällen zu verknüpfen. Es kursieren mittlerweile Millionen von Fangeschichten im Internet.

Innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte haben sich zahllose Plattformen herauskristallisiert, die die Veröffentlichung und Verbreitung von Fanfictions fördern: Archive Of Our Own (auch AO3 genannt), fanfiktion.de und Wattpad sind nur einige Beispiele davon. Die Anzahl der hochgeladenen Fangeschichten geht mittlerweile in die Millionenhöhe. Der Zweck von Fanfictions ist klar: Die Fans eines Werkes können sich auf persönlicher Ebene mit ihren favorisierten Buch- und Filmreihen beschäftigen, indem sie eigene Geschichten dazu verfassen, und dank des Internets können andere Fans diese Geschichten auch lesen. Wer nach dem Beenden eines Werkes also nach mehr Material sucht, findet im Internet einfach noch mehr literarischen Stoff zu einer Buch- oder Filmreihe. Doch dieses zwanglose Verwenden von originalen Welten und Charakteren spielt sich in einer rechtlich ungesicherten Zone ab. 

 

Problematiken bezüglich des Urheberrechts 

Fanfictions sind in ihrem Konzept und ihrer Idee grundsätzlich illegal: Das Gedankengut einer anderen Person wird aufgegriffen und für eigene Zwecke weiterverarbeitet. Selbst, wenn der/die FanautorIn damit kein Geld verdient und die entstehenden Geschichten ausschließlich der Unterhaltung dienen – solange man nicht von dem/der UrheberIn höchstpersönlich die Erlaubnis für das Verfassen einer Fanfiction bekommen hat, begeht man laut Gesetz eine Straftat. Während in den USA zum Teil das Fair-Use-Prinzip herrscht, welches das Weiterverarbeiten fremder Werke unter gewissen Bedingungen erlaubt, wird in Deutschland mit dem Urheberrecht strenger umgegangen: SchriftstellerInnen können rechtlich gesehen jeden Fan verklagen, der ohne sein/ihr Einverständnis im Internet eine Geschichte hochgeladen hat, die auf eigenen Werken basiert. Er/Sie wäre damit im Recht – ein Disclaimer am Anfang einer Fanfiction, welcher auf das Originalwerk verweist und dem/der ursprünglichen AutorIn alle Urheberrechte zugesteht, schützt nicht vor rechtlichen Konsequenzen. 

Es kommt jedoch selten vor, dass UrheberInnen diesen Schritt gehen: Zum einen sind diejenigen, die die Fanfictions zu einer bestimmten Buch- oder Filmreihe schreiben, meist tatsächliche Fans und damit zuverlässige AbnehmerInnen von neuen Büchern, Filmen oder Merchandise. Sich gegen die eigenen Fans aufzulehnen, schadet dem Ruf des/der UrheberIn und führt zu geringeren kommerziellen Erfolgen.  

Zum anderen gibt es aber auch viele AutorInnen, die mit Fanfictions gar kein Problem haben. Im Gegenteil: Viele fühlen sich davon geschmeichelt, dass jemand derart viel Zeit und Mühe auf ein bereits bestehendes Werk verwendet, dass er/sie sogar eine neue Geschichte dazu schreibt. Dieser Punkt darf bei dem Thema nicht unterschätzt werden: Die wenigsten Fans wollen den UrheberInnen etwas Böses; der Großteil möchte einfach persönliche Einfälle zu einer Geschichte zu Papier bringen und diese Gedanken im Anschluss mit der Welt teilen. Letzteres dient als zusätzliches Konsummaterial für andere Fans und auch als Werbung für potentielle Neuankömmlinge. Viele AutorInnen lassen ihrer Fangemeinde daher ihre kreative Freiheit. 

Es ist jedoch nicht nur das Urheberrecht, das durch Fanfictions verletzt werden kann: Ein weiterer Trend, der in den letzten Jahren entstanden ist, ist das Verfassen von Geschichten über reale Personen. 

  

Problematiken bezüglich des Persönlichkeitsrechts

Seien es Marvel-SchauspielerInnen, berühmte SportlerInnen oder Mitglieder der Boygroups One Direction und BTS – auch über echte Menschen finden sich immer mehr Fangeschichten im Internet. Die Gründe dafür sind die gleichen: Man möchte seiner Wertschätzung gegenüber einer berühmten Person Ausdruck verleihen und verfasst über diese eine Geschichte. Die Argumente, inwiefern dies für die Person selbst von Vorteil ist, sind ebenfalls ähnlich: Entweder sieht er/sie Fanfictions als Kompliment, oder die Geschichten können selbst im Fall von persönlicher Abneigung immer noch als Zeichen des Berühmtheitsgrades fungieren und neue Fans anziehen. Es gibt nicht wenige Neugierige, die über bestimmte Fanfictions einer Fangemeinde beigetreten sind. 

Worin liegt also das zusätzliche Problem? 

Im Gegensatz zu fiktiven Geschichten sind es hierbei reale Menschen, deren Leben und Persönlichkeit in Fanfictions weiterverarbeitet und zum Teil drastisch verändert werden. Dass dabei Persönlichkeitsrechte verletzt werden, liegt auf der Hand: Wie auch bei den Fanfictions über literarische Werke müsste vorher eigentlich eine Erlaubnis der betroffenen Person eingeholt werden, und dies ist in den wenigsten Fällen der Fall. Dass es sich bei denjenigen meist um Prominente handelt, ändert nichts an der Tatsache, dass diesen ein Recht auf Privatsphäre zusteht, und damit auch ein Mitspracherecht in Bezug auf Fangeschichten, in denen sie selbst auftauchen. Beides wird meist jedoch ignoriert. 

 

Fazit: Wertschätzung oder Respektlosigkeit? 

Es bleibt dabei: Wer Fanfictions schreibt und sie ohne Zustimmung des Urhebers veröffentlicht, kann sich damit strafbar machen. Dabei geht es weniger darum, dass die meisten UrheberInnen sich nicht um Fanfictions kümmern, sondern um die Tatsache, dass vielen Fanfiction-VerfasserInnen die Ernsthaftigkeit des Themas gar nicht bewusst ist. So harmlos die Angelegenheit auf den ersten Blick wirken mag, so genau sollte man sich damit auseinandersetzen, bevor man ein literarisches Werk veröffentlicht, deren Ideen und Einfälle zum Teil anderen Menschen gehören. 

Viele AutorInnen haben mit Fangeschichten kein Problem und sehen sie vielmehr als ein Zeichen der Wertschätzung an, und auch viele Promis, über die im Internet Fanfictions kursieren, winken die Angelegenheit mit einem Lachen ab. Dennoch kann die Frage, ob Fanfictions Bewunderung oder Respektlosigkeit gegenüber dem/der UrheberIn oder dem/der eigentlichen Prominenten ausdrücken, nicht klar beantwortet werden.  

Der sicherste Weg wäre es, die Betroffenen vor jeder Veröffentlichung um Erlaubnis zu bitten und nachzuhaken. Da dies natürlich nicht möglich ist, muss es aber für den Moment ausreichen, sich über eventuelle Äußerungen zu informieren und eigene Fanfictions nur mit den besten Absichten zu verbreiten – nämlich, den jeweiligen UrheberInnen und Prominenten Respekt für ihre Errungenschaften zu zollen. 

  

Autorin: Sophia Spahr 

  

Textquellen:

Focus (2016): Hobby-Autoren im Netz: Fan Fiction ist eine rechtliche Grauzone. Online verfügbar unter https://www.focus.de/digital/computer/internet-hobby-autoren-im-netz-fan-fiction-ist-rechtliche-grauzone_id_3520203.html, zuletzt geprüft am 11.08.2021 

Magazin Audible (2017): Was ist Fanfiction und wie ist sie entstanden? Online verfügbar unter https://magazin.audible.de/was-ist-eigentlich-fanfiction-wie-ist-sie-entstanden/, zuletzt geprüft am 12.08.2021 

Morus, Thomas (2015): Recht für Fanfiction-Autoren. Online verfügbar unter http://www.utopianreflections.net/recht-fuer-fanfiction-autoren/, zuletzt geprüft am 12.08.2021 

Wilkins, Aly (2019): Fanfiction and Copyright: Has the digital age rendered copyright laws obsolete? Online verfügbar unter https://medium.com/swlh/fanfiction-and-copyright-has-the-digital-age-rendered-copyright-laws-obsolete-aa8a82be6fc5, zuletzt geprüft am 10.08.2021 

 

Bildquellen:

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