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„Es wird nicht geschrieben!“ – Zu Besuch im Deutschen Literaturinstitut

Bericht
 

Wenn man den Weg zum Literaturinstitut geht, hat man fast das Gefühl, eine Hochsicherheitszone zu betreten, denn das historische Gebäude befindet sich direkt neben dem Amerikanischen Generalkonsulat, dessen Zufahrt von der Polizei abgesperrt und gesichert wird. Mein erster Gedanke, als ich mich Donnerstagabend auf den Weg gemacht habe, war dabei fast: „Sind die jungen Autoren eine so bedrohte Spezies, dass man sie beschützen muss?“ Doch ein Blick auf Google Maps schaffte Klarheit. Und doch könnte man fast meinen, dass eine kleine Gruppe von 40 aktiven bzw. 60 immatrikulierten Studenten doch schutzbedürftig sei.

Literarisches Schreiben

Doch von vorn: Am Donnerstag, dem 18. Mai 2017, lud der Verein Junge Verlagsmenschen alle Interessierten zu einem Besuch im Deutschen Literaturinstitut Leipzig ein, das als Teil der Universität Leipzig den Bachelor- und Masterstudiengang Literarisches Schreiben anbietet. Im Institut beantwortete Jörn Dege, Absolvent und aktueller Geschäftsführer, sämtliche Fragen, die den insgesamt 13 Teilnehmern einfielen. Abgehalten wurde diese Fragerunde im Saal des Literaturinstituts, der eigentlich gleichzeitig der Eingangsbereich ist. Wie wir uns bei der anschließenden kurzen Führung selbst überzeugen konnten, handelt es sich dabei auch wirklich um den schönsten Raum des Gebäudes, welches Jörn Dege selbst als eher trostlos beschrieb, trotz der schönen Fassade. An den Wänden des Saals hingen Fotografien einer Absolventin der gegenüberliegenden Hochschule für Grafik und Buchkunst, die die liebsten Leseorte bekannter Autoren, Künstler und anderer bekannter Persönlichkeiten zeigten.

Der Studiengang Literarisches Schreiben

 

Nachdem sich alle anwesenden Personen kurz vorgestellt hatten – so wie es bei den Veranstaltungen, die von den Jungen Verlagsmenschen organisiert werden, üblich ist – begann Herr Dege uns über die beiden Studiengänge zu informieren, die ,wie bereits erwähnt, denselben sehr kreativen Namen tragen: Literarisches Schreiben. Den Bachelorstudiengang gibt es seit 2006, er löste den Diplomstudiengang ab, und der Masterstudiengang ist mit seiner Einführung 2011 noch relativ jung. Der Bachelorstudiengang setzt sich in sechs Semestern mit allen möglichen Literarturformen auseinander und beruft sich dabei auf die „heilige Trias“, wie Jörn Dege es ausdrückte, nämlich Lyrik, Epik und Dramatik. Dabei spricht man am Literaturinstitut nicht von Epik und Dramatik, sondern eher von Prosa und Szenischem Schreiben. Der Schwerpunkt ist dabei eindeutig auf die Prosa gelegt und auch die Lyrik, denn in diesem Punkt waren die Absolventen des Literaturinstituts bisher sehr stark. Noch eine Anmerkung: Wenn im Bachelorstudiengang von Prosa gesprochen wird, dann meint man damit Erzählungen, Kurzgeschichten oder Novellen, niemals den Roman. Denn mit dem Schreiben eines eigenen Romans setzt sich der Masterstudiengang in vier Semestern intensiv auseinander.

 

„Es wird nicht geschrieben!“

 

Wer jetzt denkt, dass die Studenten nun sechs bzw. vier Semester lang nichts anderes machen würden, als sich die Finger wund zu schreiben, der irrt sich. „Es wird nicht geschrieben“, lautete der Kommentar von Herrn Dege. Er erklärte uns, dass die Seminare als Werkstätten aufgebaut sind und dass jeder Student im Semester einen festen Termin erhält, an dem sein Text besprochen wird. Eine Woche vor diesem Termin muss er seinen Kommilitonen den Text zugänglich machen, sodass diese genug Zeit haben ihn zu lesen und zu bewerten. Im nächsten Seminar wird dann der Text ausgewertet und besprochen, Anmerkungen werden gemacht und vielleicht Verbesserungsvorschläge angebracht. Ein Großteil des Studiums besteht also darin, sich mit den Texten der anderen auseinander zu setzen und diese zu analysieren. Bewerber sollten daher vor allem ein Interesse an Literatur im Allgemeinen und nicht speziell an ihrem eigenen Schaffen mitbringen. Um sicherzustellen, dass alle Teilnehmer einer Werkstatt in der Lage sind, einen Text zu bewerten, gibt es literaturgeschichtliche und literaturtheoretische Seminare. Allerdings handelt es sich dabei nicht bloß um trockene Theorie, denn auch diese Module sind darauf ausgelegt, dass man das Erlernte für sein eigenes Schaffen nutzen kann.

 

Am Deutschen Literaturinstitut gibt es drei fest angestellte Professoren: Prof. Dr. Josef Haslinger (Literarische Ästhetik), Prof. Dr. Michael Lentz (Literarisches Schreiben) und Prof. Dr. Hans-Ulrich Treichel (Deutsche Literatur), der demnächst in den Ruhestand geht und für den derzeit ein Nachfolger gesucht wird. Alle drei haben eine wissenschaftliche Ausbildung und sind zeitgleich Autoren. Herr Prof. Dr. Haslinger ist Essayist und zuständig für die Prosa, Herr Prof. Dr. Treichel ist studierter Germanist und für Romane und Lyrik zuständig, während Herr Prof. Dr. Lentz als „der Avantgardist“ bezeichnet wurde, da er sich mit experimentellen Schreibtechniken auseinandersetzt. Zusätzlich werden alle ein bis zwei Semester Gastdozenten an das Literaturinstitut eingeladen, hauptsächlich etablierte Autoren, die dann die Werkstätten betreuen. Im laufenden Sommersemester zählen zu diesen Gastdozenten unter anderem Jenny Erpenbeck und Steffen Popp. In der Vergangenheit hatten unter anderem Ilija Trojanow, Carolin Emcke oder Jo Lendle eine Gastdozentur inne.

 

Die Studenten haben dann die Qual der Wahl zwischen 35 Modulen, denn bis auf ein Pflichtseminar pro Semester sind sie vollkommen frei in der Wahl, ein Überbleibsel des Diplomstudiengangs. Daraus ergeben sich dann pro Werkstatt sehr kleine Gruppen, die ein intensives individuelles Arbeiten ermöglichen. So entsteht auch für jede Werkstatt eine ganz eigene Gruppendynamik, die auch wegweisend für den Verlauf des Semesters sein kann. Insgesamt verbringen die Studenten vergleichsweise wenig Zeit in den beiden Seminarräumen, über die das Literaturinstitut verfügt, der Großteil ihrer Arbeit ist zu Hause zu erledigen. Denn für das Lesen der Texte Anderer und das Verfassen eigener Werke braucht man keinen Seminarraum.

 

Unbegrenzte Anzahl an Studienplätzen

 

Wer bis hier durchgehalten hat und sich jetzt denkt: „Das ist aber ein interessanter Studiengang!“ oder „Ich kann lernen, wie ich meinen Schreibprozess verbessere? Wo kann ich mich bewerben?“, der sollte jetzt besonders gut aufpassen, denn natürlich wurde im Laufe unserer Fragerunde nach den Bewerbungsmodalitäten gefragt.

 

Interessierte für den Bachelorstudiengang bewerben sich mit einer Mappe, die 20 Seiten an literarischen Schreibproben enthalten soll, für den Masterstudiengang verlangt das Literaturinstitut 30 Seiten des angefangenen Romans und ein Exposé. Allerdings ist dieser Anfang nicht bindend, einige Studenten fangen während des Masterstudiengangs einen komplett neuen Roman an. Diese Einsendungen werden dann verteilt. Für den Bachelorstudiengang gilt: Es gibt verschiedene Gruppen bestehend aus einem Professor, zwei Gastdozenten und einem Studenten, die gemeinsam die Texte lesen und bewerten. Bei der Zusammensetzung der Gruppen wird auch darauf geachtet, dass Leute zusammen kommen, „die sich literarisch nicht unbedingt verstehen“, so Jörn Dege, damit die Gruppen, die die Texte bewerten sollen, gut gemischt sind. Aufgrund dieser Bewertung werden dann die Bewerber, die eventuell in Frage kommen, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Im Zuge dieser Einladung werden die Texte noch einmal unter den Gruppen verteilt. Man kann also als Bewerber davon ausgehen, dass acht Leute den Text gelesen haben. Das Eignungsgespräch selbst dauert circa eine dreiviertel Stunde und es wird geprüft, ob eine gewisse Kompatibilität besteht. Man versucht herauszufinden, ob sich ein Studium sowohl für den Bewerber als auch für das Literaturinstitut lohnt. Bei dem Masterstudiengang lesen allerdings nur die Professoren die Arbeit und auch in dem Eignungsgespräch selbst geht es hauptsächlich um das Projekt.

 

Prinzipiell gibt es keine Beschränkung der Studienplätze für Literarisches Schreiben. Es werden so viele Bewerber genommen wie möglich, wenn sie denn die Kriterien für ein Studium erfüllen. Jörn Dege selbst sagte, dass in seinem Jahrgang nur zehn Leute waren, in der Regel ist es meist eine Gruppe von 15 bis 20 Studenten, die zusammen kommt, beim Master mit fünf bis sieben Studenten sind es deutlich weniger. Jährlich bewerben sich beim Deutschen Literaturinstitut circa 400 bis 500 junge Autoren für den Bachelorstudiengang und ungefähr 80 für den Master. Eine weitere Besonderheit des Studiengangs Literarisches Schreiben ist, dass man kein Abitur braucht, um angenommen zu werden, es zählt wirklich nur die literarische Eignung.

 

Noch ein letzter Tipp für alle, die jetzt schon über den Inhalt ihrer Mappe nachdenken: Texte, die als dezidierte Genreliteratur zu erkennen sind, werden ziemlich schnell aussortiert. Das Literaturinstitut sieht sich nicht als Teil des Marktes, daher spielt Genrefiction keine Rolle, es geht rein um die künstlerische Entfaltung. Warum man Genreliteratur nicht als Teil diese Entfaltung ansehen kann, versteht Jörn Dege selbst nicht, der im Rahmen eines Moduls mit Genrefiction experimentiert. Als eventuelle Gründe sieht er unter Umständen mangelnde Expertise, also dass es dafür keine Dozenten gibt und auch eine „gewisse Arroganz“ von Seiten des Literaturinstituts. Allerdings arbeiten dennoch viele Studenten mit Genreelementen, teilweise sehr erfolgreich.

 

„Autor & Realität“

 

Nachdem sehr viel über die Bewerbungsformalitäten und das Studium an sich gesagt wurde, kam bei einigen natürlich auch die Frage auf: „Was kommt nach dem Studium?“ Denn die meisten derer, die am Literaturinstitut studieren, brauchen nach ihrem Abschluss ein zweites Standbein, denn vom Schreiben allein lässt es sich nicht leben. Diese Sorge kommt vor allem zum Vorschein, wenn sich das Studium dem Ende zuneigt und die Studenten die „Insel der Seeligen“, wie Jörn Dege es ausdrückte, verlassen müssen. Natürlich gibt es diverse Möglichkeiten über Förderungen, Stipendien und Wettbewerbe Geld zu verdienen und gerade Lesereisen sind eine lukrative Einnahmequelle, doch meist reicht das nicht aus.

 

Um die jungen Autoren ein wenig auf die Welt außerhalb der „Blase“, die das Literaturinstitut manchmal sein kann, vorzubereiten, bietet Jörn Dege ein Modul mit dem schönen Titel „Autor und Markt“ an. Uns hat er verraten, dass er es auch gern als „Autor und Realität“ bezeichnet. Obwohl es kein Pflichtseminar ist, nimmt jeder der Studenten früher oder später an diesem Seminar teil, meist gegen Ende des Studiums. Sie lernen unter anderem, wie man Rechnungen schreibt, wie das mit den Steuern genau funktioniert und welche Möglichkeiten der Literaturförderung es gibt. Außerdem gibt es Gastvorträge von Verlagsmitarbeitern und Agenten.

 

Allerdings gibt es auch Ausnahmen und einige der Absolventen sind erfolgreich genug, um von ihren Texten leben zu können. Im Eingangsbereich des Deutschen Literaturinstituts gibt es zwei Glasvitrinen, in denen Bücher der Absolventen ausgestellt sind. Unter ihnen

Die ausgezeichnete Schriftstellerin Juli Zeh schloss 2000 das Diplpmstudium Literarisches Schreiben ab, cc Heike Huslage- Koch

sind auch die Werke von Juli Zeh, Clemens Meyer und Bov Bjerg. Besonders empfehlen konnte uns Jürgen Dege auch Der Krieg im Garten des Königs der Toten von Sascha Macht, Binde zwei Vögel zusammen von Isabelle Lehn, Elefanten treffen von Kristina Schilke und Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens von Roman Ehrlich, das meiner Meinung nach einen Preis für diesen Titel verdient hätte. Alle Titel sind lesenswert und ausgezeichnete Werke und beim Buchhändler Eures Vertrauens erhältlich. Außerdem legte uns Jörn Dege die Tippgemeinschaft ans Herz. Dabei handelt es sich um eine Anthologie mit Werktstatttexten der Studenten, die auch von den Studenten selbst zusammengestellt und publiziert wird. Erhältlich ist sie über die Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Sie erscheint jedes Jahr zur Buchmesse und dieser Anlass wird im Deutschen Literaturinstitut gebührend gefeiert. Außerdem werden jährlich eine Weihnachtsfeier und ein Sommerfest veranstaltet, zu denen uns Jörn Dege zum Schluss der Führung eingeladen hat.

 

Alles in allem war es ein sehr schöner und auch informativer Abend im Deutschen Literaturinstitut, in dem es im Vergleich mit der Hitze, die an diesem Abend herrschte, angenehm kühl war. Ich möchte mich an dieser Stelle nochmal bei den Jungen Verlagsmenschen für die Organisation und bei Jörn Dege für die Führung bedanken.

 

Autor: Linda Pollack

 

 

 

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One Response to “„Es wird nicht geschrieben!“ – Zu Besuch im Deutschen Literaturinstitut”

  1. Sonja Alwan says:

    Oooh der Text ist sehr schön geschrieben :))

Lass uns doch einen Kommentar da.

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