Von queeren Personen für queere Personen und von queeren Personen für alle

Autorin: Johanna Seifert

Eine kleine Oase im Leipziger Stadtteil Connewitz, geschaffen von vier Personen mit einer Idee: Einem queer-feministischen Sexshop – für alle. Seit Oktober 2021 ist der Sexshop „Juicy“ geöffnet, welcher auf Basis von privaten, ehrenamtlichen und beruflichen Hintergründen rund um die Themen sexuelle Bildung und soziale Arbeit von Jule, Julez, Linda und Paul gegründet worden ist. Mit einer Kombination aus Ladengeschäft und Workshop-Angeboten, mit geschulter Beratung und sexualwissenschaftlichem Know-how, ist ein vorurteilsfreier Raum für Suchende, Fragende und Interessierte erschaffen worden – für alle.

Wie seid Ihr auf den Namen „Juicy“ gekommen? Gibt es eine tiefere Bedeutung?

Linda: Es war wirklich mehr so ein Arbeitstitel und es ist so aus einer Witzelei entstanden, weil es ja schon von Anfang an ein queer-feministischer Laden sein soll. Es soll verschiedene Menschen ansprechen und wir haben so gesagt: „Juicy, saftig, Körpersäfte, Flüssigkeiten, das haben ja alle Menschen gemeinsam“ und das war so am Anfang irgendwie so der erste spontane Einfall und dann haben wir uns so an den Arbeitstitel gewöhnt und dachten irgendwie „Ja, was passenderes gibt es eigentlich gar nicht.“ So ist dann alles andere drumherum gewachsen.

Ihr habt gesagt, direkt ein queerer-feministischer Sexshop zu sein? Warum als Aushängeschild? Warum braucht es eurer Meinung nach diesen Zusatz und nicht „nur“ Sexshop?

Julez: Ein großer Punkt dabei ist, dass es von den handelsüblichen Sexshops schon viele gibt und denen haftet auch ein gewisses Image an. Was zum Teil berechtigt sein mag, zum Teil vielleicht auch nicht. Aber ganz oft ist es in den Läden so, dass sie einfach nicht auf eine queere Community ausgelegt sind. Klar kann man super viele Sextoys, wenn man ein bisschen kreativ ist, einfach selber zweckentfremden. Aber was Beratung angeht, sieht es dann halt doch meistens mau aus.

Es gibt natürlich einfach Produkte, die es so in regulären Sexshops nicht gibt. Also seien es Toys von  eher kleineren Manufakturen oder von Firmen von kleinen Unternehmen, die sich auf Toys spezialisiert haben, die ohne Geschlechteransprache gut funktionieren. Oder auch das ganze Thema geschlechtsbestärkende Kleidung und Unterwäsche, das gibt es da ja so auch nicht. Das gibt es ja auch sonst nirgendwo, außer im Internet und genau das ist immer etwas schwierig; Sachen zu tragen, die man vorher nicht anprobieren kann. Da war uns von Minute eins an klar, dass wir Sachen wie Binder, Tucking Unterwäsche und Packer mit im Sortiment haben wollen.

Linda: Wir sehen Bedarfe, die wir haben und auch die Menschen um uns herum. Wir haben auch mitbekommen, was Menschen gerne hätten und was wir auch gerne hätten, dass wir nicht die einzigen sind. Es ist halt wirklich von queeren Personen für queere Personen oder von queeren Personen für alle.

Was hat es mit euren besonderen Öffnungszeiten auf sich?

Julez: Wir haben den Dienstag so als FL*INT*AQ auserkoren, die Abkürzung steht für: Frauen, Lesben, Interpersonen, Nicht-Binäre Menschen, Trans-Personen, Agender-Personen und wir haben noch das Q mit drangehängt, das ist nicht so üblich und ich glaube auch nicht in Leipzig üblich, aber das Q steht für Questioning, halt für Menschen, die sich nicht sicher sind oder die sich generell nicht sicher sind, genau und halt gerade auf der Suche sind oder im Findungsprozess.

Und für Menschen, denen das generell zu unruhig ist, während der Öffnungszeiten zu kommen, besteht auch immer noch die Möglichkeit uns eine Mail zu schreiben und dann können wir auch Beratungstermine außerhalb der Öffnungszeiten ausmachen.

Was ist Euer bisheriges Feedback zum Laden?

Linda: Es gibt auf jeden Fall sehr viele „Wow“-Effekte und immer wieder Rückmeldung von Menschen, wie: „Das war jetzt ihr erster Besuch im Sexshop und es war auch ein bewusster erster Besuch, weil man sich vielleicht vorher nicht getraut hat“ und deswegen findet man auch viele Infos auf der Website, dass man sich drauf einstellen kann, was einen hier erwartet, eben weil wir mehr Menschen ermutigen wollen, in den Sexshop zu gehen.

Julez: Ich habe das Gefühl, es kommt sehr viel Lob und sehr viel positives Feedback. Ich glaube, was an Kritik kommt, ist, dass wir nicht so viel Auswahl haben wie im Internet. Ich glaube, das ist einfach der große Minuspunkt am Einzelhandel, dass wir einfach nicht mit großen Geschäften so mithalten können. Es geht nicht, was die Auswahl oder die Quantität angeht, aber wir bemühen uns auch ständig unser Sortiment zu erweitern, neue Produkte mit reinzunehmen und dann vielleicht Sachen, die nicht so gut gehen oder nicht so beliebt sind, mit der Zeit auszusortieren.

Wie denkt ihr, wird das Thema Sex und Sexualität heute noch in der Gesellschaft aufgefasst? Gab es in den letzten Jahren Veränderungen?

Linda: Also Darstellung und Wahrnehmung von Sexualität hat sich in der Öffentlichkeit oder auch in der Gesellschaft sehr viel verändert. Es gibt auch eine permanente Konfrontation mit Sexualität, sei es in der Werbung, aber auch in den Medien. Das führt einerseits dazu, dass Menschen über Sachen sprechen und es leichter ist, Worte für Sexualität zu finden. Gleichzeitig kann das aber auch Druck auslösen. Dieser offene Umgang oder auch dieses Label, was es mittlerweile gibt, „Sex positiv“, das kann bei Menschen Druck auslösen und kann dazu führen, dass sie denken „Oh Gott, überall ist Sex. Wie ist das eigentlich mit mir? Habe ich genug Sex? Habe ich genug Lust? Habe ich genug Partner:innen? Bin ich begehrenswert?“ All das hängt da eben auch mit dran und das ist glaube ich auch die Krux, die man mit Wissen und Bildung und Empowerment einfangen kann.

Jule: Ja voll, und ich habe immer so den Eindruck, es wird immer sehr viel über Sex geredet, aber sehr wenig ehrlich und authentisch und auch sehr wenig darüber, was Leute tatsächlich so bewegt.

Wie ist Eurer Ansicht nach die allgemeine Queer-Repräsentation, auch in den Medien? Wo gibt es da noch Herausforderungen und mögliche Verbesserung?

Julez: Ich glaube, was so queere Repräsentation angeht, da ist schon echt einiges passiert. Ich bin mir manchmal nicht so sicher, ob das wieder so authentisch ist, oder ob das ein bisschen Rainbow Capitalism (auch Pink Kapitalismus) ist. Auf der einen Seite denke ich so, ist vielleicht etwas shady, auf der anderen Seite denke ich mir: „Gib mir alles an Repräsentation, was ich kriegen kann!“.

Linda: Ich glaube es ist diese Selbstverständlichkeit von Queerness, dass es eben ein Teil einer Komponente von Personen ist. Sei es jetzt von Charakteren in Serien oder von Werbefiguren oder von einer Ecke in einem Buchladen oder so was. Ja, da mangelt es auf jeden Fall. Dieses regenbogen-kapitalistische von „Hier im Juni schmeißen wir euch alles hin und jetzt kauft ihr mal von uns“, aber wie viel steckt da eigentlich dahinter? Das ist ein großes, großes Thema und das zeigt sich auch so in der Tiefe der Repräsentation, würde ich sagen. Es geht nicht nur darum, eine Person dabei zu haben, damit sie dabei ist. Es geht darum, das so selbstverständlich abzubilden wie es in der Gesellschaft ja eigentlich auch vorhanden ist, aber wenn Menschen sich dann bisher wenig damit beschäftigt haben, ist es auch schwer  tatsächlich Repräsentation zu schaffen.

Julez: Ich glaube, was bei dem Selbstverständlich auch voll mit rein spielt, ist dieser Punkt von: Es geht dann immer nur um problematische Sachen. Also immer so: es ist ein schwieriges Coming-Out oder „Oh, die Trans-Person leidet so sehr und muss jetzt das und das machen“. Entweder wird es gar nicht thematisiert oder so richtig hart in den Fokus gerückt. Was ja nicht unbedingt realistisch ist. Und was so Repräsentation in Serien oder in Filmen angeht: Also ich meine da ist viel, gerade was Repräsentation und sexuelle Orientierung angeht, schon etwas besser geworden, aber gerade was so Trans-Personen angeht, werden immer nur die Gleichen gezeigt. Das sind dann sehr Norm-schöne, angepasste, weiße, junge Menschen, die da irgendwie gezeigt werden und das entspricht einfach nicht der Realität. Klar, die Menschen gibt es auch, aber es gibt halt so viel mehr, aber es wird halt immer nicht gezeigt und das ist traurig und mangelhaft.

Linda: Man merkt, dass es ein guter Startpunkt ist. Gleichzeitig ist halt aber auch noch viel, viel Luft nach oben und da glaube ich, braucht es einfach noch Zeit bis mehr Menschen Raum gegeben wird, die tatsächlich mitgestalten in den Medien. Dass mehr eingefordert wird und auch Menschen sich mehr trauen, Räume einzunehmen. Ihnen aber auch Räume, Platz gegeben wird, denn das ist die Hauptvoraussetzung.

Wo kommt man am besten an Information über das Thema? Über ein bestimmtes Medium? Wo kann man sich allgemein am besten informieren? Eure Empfehlungen?

Julez: Also ich glaube, was ich an solcher Stelle immer empfehle, ist das „Queer-Lexikon“. Die haben ein ganz tolles Glossar, wo ganz viele Begriffe erklärt sind und auch einfach cool erklärt sind. Ich finde da gibt es super viel Einblick in [die] Lebensrealität von queeren Menschen, von queeren Jugendlichen. Ein super guter Einstieg.

Linda: Es gibt viele Einzelpersonen, die über Social-Media die Aufklärungs- und Bildungsarbeit machen, die, ja, wo man sehr niedrigschwellig erstmal sich vielleicht einzelne Beiträge angucken kann. Das kann man da sehr gut filtern und durch Hashtags gut nutzen. Das ist auch für alle irgendwie unterschiedlich, aber besser zugänglich, als jetzt zum Beispiel erstmal Bücher zu finden und kaufen zu müssen.

Aber dann habt ihr die Bücher da dazu. Ihr bezieht eure Bücher ja über „Transfabel“. Wenn Ihr Werke in Eurem Laden auslegt, was sind die Entscheidungskriterien für die, die am Ende im Laden stehen?

Julez: Das ist ein Mischmasch aus Empfehlungen, die uns Anton (Kontakt bei Transfabel) immer wieder schickt, wofür wir super dankbar sind, weil da echt immer richtige Goldschätze mit dabei sind. Die Zusammenarbeit macht richtig Spaß. Bei „Transfabel“ ist auch richtig cool, da gibt es neben den allgemeinen Inhaltsbeschreibungen zu den Büchern auch immer nochmal eine „Transfabel“-Empfehlung, wo dann nochmal extra mit dabei steht, worum es geht [und] für wen das Buch besonders geeignet ist.

Linda: Die Auswahl ist auch wirklich krass, also alles wasirgendwie mit dem Thema Queerness, Gender, Sexualität, auch Feminismus zu tun hat, ist da eigentlich zu finden und auch so auch wirkliche Schätze und aber eben auch Klassiker. Gerade bei Büchern kommen gerade Menschen und sagen: „Wo soll ich anfangen?“ Und da ist es auch irgendwie hilfreich, Klassiker da zu haben, die alle irgendwo schon mal gehört haben, wo sie sich daran festhalten können.

Wird davon viel abgesetzt?

Julez: Voll! Also gerade so Einstiegsbücher und viel so illustrierte Sachen gehen halt voll gut und halt aber auch voll Klassiker.

Linda: Mir wurde vorher bei der Recherche gesagt: „Ja, Bücher müsst ihr aufpassen, in so einem Sexshop, die machen nur einen ganze kleinen Anteil, das wird euch erstaunen“. Dann, als wir uns die ersten Verkaufszahlen angeschaut haben, waren wir erstaunt, wie viele Bücher einfach weggehen. Wie gerne die Leute darin stöbern.

Wie würdet ihr unseren Leser:innen Euren Sexshop anpreisen?

“Wir sind ein Sexshop für alle, das heißt, bei uns können alle Menschen Dinge entdecken, suchen und auch finden. Bei uns kann man Toys entdecken, aber eben auch noch so viel mehr. Sexualität oder das Schöne am Bereich Sexualität zu entdecken, neugierig zu bleiben, Spaß zu haben und vielleicht auch seinen eigenen Wissensschatz, zum Beispiel mit den Workshops, zu erweitern.”

Wo ihr „Juicy“ finden könnt und was das Team alles noch für euch bereithält, könnt ihr auf der Website und Instagram finden. Sie freuen sich auf euch, wenn ihr bei ihnen vorbeischaut, ob alleine oder zu Mehreren. Jede noch so kleine Google-Bewertung oder mündlich weitergegebene Empfehlung, trägt zur Sichtbarkeit des Ladens  und somit auch ein Stück näher zu einem offenen und authentischen Miteinander bei.

 

Fotos: PIY PRODUCTIONS ©JUICY

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