Entwicklung Kinderbuch: So wie die Kleinen verändert sich auch die Branche

Am Sonntag war Kindertag; ich hoffe kein Elternteil hat diesen vergessen. Wie an jedem 1. Juni gab es viele Veranstaltungen und Geschenke für den Nachwuchs. Kleine und große – denn auch ich ging nicht leer aus – Kinder durften sich an wohlgemeinten Gaben erfreuen. Spielzeug und Süßigkeiten, das sind Klassiker. Das Buch ist es genauso. Dieses hebt sich sogar durch einen Fakt von seinen Kontrahenten im Laden ab. Nein, nicht nur durch die Preisbindung. Es hat einen ganz besonderen Auftrag.

OetingerBildung heißt dieser. Lesen soll ja hierfür förderlich sein, so zumindest die weit verbreitete Meinung. Wer liest eignet sich Wissen an. Umkehrschluss: Wer früh beginnt, hat logischerweise mehr Zeit zum Lernen. Da liegt nichts näher als dem eigenen Kind helfend zur Seite zu stehen. Ansprechende Literatur muss also her. Nebenbei sollten Kenntnisse und Werte vermittelt werden, aber zu Beginn soll der korrekte Umgang mit dem Buch erlernt werden.
Die Kinder selbst haben etwas andere Ansprüche. Manche haben natürlich den Antrieb genauso in der Zeitung zu blättern wie die Eltern, die sogar etwas aus dieser erfahren können. Aber für viele andere – bei mir war es genauso – ist das Lesen ein spannendes „Spiel“. Geschichten zu verfolgen und sich in diese hineinzuversetzen macht Spaß und lässt einen zum dauerhaften Nutzer des Mediums Buch werden. Die frühe Rekrutierung erfolgt also im Sinne der Branche.
Das Verbinden der Interessen beider Gruppen, die der Eltern (Käufer) und Kinder (Nutzer), ist die schwierige Aufgabe der Autoren und Verlage. Eine notwendige Tätigkeit, damit Bücher nicht nur gekauft, sondern auch gelesen werden.
Seit einigen Jahren müssen sich diese aber noch einem zusätzlichen Problem stellen: der Anpassung an den sich weiterentwickelnden elektronischen Markt.

Neue Konkurrenten
Tablets und Smartphones stellen eine Herausforderung für Kinderbuchverlage dar. Zum einen sind sie mit dem E-Reader Nutzergeräte für Angebote, wenn auch digitalisiert, die erstellt und vertrieben werden können. Dies benötigt zwar Investitionen, einen gewissen Aufwand und Kompetenzen, bietet aber gleichzeitig neue Absatzmöglichkeiten.
Zum anderen aber finden neue „Fressfeinde“ auf diesen Geräten ebenso Platz und Anwendung. Spiele um genau zu sein. Einfacher Rätsel- und Puzzlezeitvertreib, klassische Jump ‘n’ Run oder komplexe Games, sie alle haben das Potential einen großen Teil eines Kindertages zu belegen. Ein klassischer Fall intermedialer Konkurrenz. Ungeachtet ihrer Kosten sind sie durch bunte Farben und Bewegungen für die Augen eines Heranwachsenden meist verlockender als stumpf dreinblickende Satzstrukturen. Den Zugang zu den Geräten erhalten sie meist durch ihre Verwandten, die ihnen den Spaß gönnen, kurzzeitig eine Beschäftigung für sie brauchen – schon praktisch bei Autofahrten – und/oder einen pädagogischen Sinn darin sehen. Lesen lernen kann man ja auf verschiedenen Wegen.

Die Reaktion?
Die Verlage gehen recht unterschiedlich mit dieser Problematik um.

Es gibt die „klassischen Kinderbuchverlage“, deren Verhalten sich kaum bis gar nicht verändert hat. Vielleicht wurde der Auftritt im Internet verstärkt, damit man diese über die „neuen Geräte“ finden kann. Konzentriert wird sich jedoch weiterhin auf die gedruckten Werke. Oft haben diese Verlage etablierte Reihen, die sich stetiger Nachfrage erfreuen und kein Umdenken erfordern. Die Eltern kennen die Helden und Geschichten aus ihrer eigenen Kindheit, mochten diese scheinbar und lassen nun ihre eigenen Kinder auf die Bücher los – oder eben umgekehrt. Solange das Interesse an den Charakteren nicht erlischt, lässt sich dieses Modell durchaus weiterhin umsetzen.

S.-Fischer„Moderne Kinderbuchverlage“ haben sich hingegen in ihrem Aufbau und Angebot deutlich angepasst. Rein digital arbeitende Kinderbuchverlage sind mehr eine Randerscheinung oder eine Entwicklung aus dem Selfpublishing. Die Kombination aus elektronischem und gedrucktem Angebot scheint sich bisher durchzusetzen. Hierbei setzen die Verlage, Oetinger und S. Fischer sind hier hervorzuheben, auf ihr Printangebot, erweitern dieses aber digital.
2011 wurde die kostenlose App „Tigerbooks“, eine Online-Vertriebsplattform für Kinder- und Jugendbücher, auf Initiative Oetingers veröffentlicht. Im Mai 2014 zog S. Fischer mit einer eigenen Plattform, „Blubberfisch“, nach. Diese dient zur Zusammenführung der verschiedenen Fischer-Verlagsprodukte, die für Kinder bis 12 Jahren gedacht sind.

Beide Plattformen bieten Leseproben und kleine Anwendungen an, um das Interesse der Nutzer zu wecken, diese an sich zu binden und möglicherweise zum Kauf weiterer Produkte zu animieren. Hierbei hat besonders Tigerbooks die Möglichkeiten der interaktiven und vertonten Geschichten erkannt und bietet eine große Auswahl dieser an. Durch das – in digitaler Nachbearbeitung durchgeführte – Einfügen von Interaktionsmöglichkeiten wie das Ein- und Ausschalten einer Lampe wird dem Nutzer erlaubt, das Geschehen zu beeinflussen. In manchen Fällen ist dies relevant für die Handlung und es wird dazu aufgefordert, in anderen nur eine Option. Ein Buch erhält somit das Element der Bewegung, des Spielens.

Durch die Software „TigerCreate“ des Tigerbooks Media Teams sind seit 2013 auch andere Verlage dazu in der Lage ihr Verlagsprogramm anzupassen, da sie nun die Möglichkeit besitzen kostengünstig animierte Bildergeschichten zu erstellen. Ein starker Anstieg des erhältlichen Sortiments, der Anzahl der Themenbereiche und der Qualität der technischen Umsetzung ist deshalb in Zukunft zu erwarten.

Deshalb rate ich zum nächsten Kindertag: Riskieren Sie einen Blick. Vielleicht finden Sie eine animierte und vertonte Fassung eines Kindheitsheldens. Oder zumindest ein gutes Geschenk.

Autor: Jonas Jorek

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