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Drei Sätze heiße Ohren – die gestrigen Keynotes der Buchtage Berlin

Update:  die in den Kommentaren besprochenen 55 Thesen haben heute im Buchreport online eine sehr, sehr spannende Ergänzung erhalten, die wir Ihnen und Euch nicht vorenthalten wollen:

Hier der eigentliche Artikel:

Als am gestrigen Donnerstag Dr. Gottfried Honnefelder die Schließung auch der letzten Tür des rammelvollen Kongress-Saales im BCC am Alexanderplatz anordnete, ahnte noch keiner den guten Grund für dieses geheimnisvolle Vorgehen, das zunächst zugegebenermaßen eher an ein Zusammentreffen der Olsen-Bande erinnerte, als an die feierliche Eröffnung der Buchtage Berlin. Es schien dieser zunächst noch beschmunzelten Vorgehensweise aber eine weise Voraussicht zugrunde zu liegen: die drei Ansprachen der geladenen Rednerin und Redner

1.      ) Dr. Cora Stephan, Autorin und Publizistin (aka Anne Chaplet)

2.      ) Dr. Markus Conrad, Vorstandsvorsitzender des Tchibo-Konzerns

3.      ) Christoph Keese, Konzerngeschäftsführung Axel Springer AG

Wer sich die Beiträge gern selbst erschließen möchte und sich nicht mit der, zugegebenermaßen verkürzten Darstellung hier zufrieden geben möchte, der findet sie im Anhang an diesen Artikel und ein jeder sei versichert: es lohnt sich sehr!

Zu 1.] Dr. Cora Stephan trug eine wunderbar ironische, bissige, pointierte, kluge und dergleichen vieles mehr Rede vor, die sich gleichermaßen als Brief an die Verleger verstand: „Ja, wir mögen Euch, ja wir wollen von Euch betreut werden und glauben an Eure sinnvolle Funktion innerhalb einer Branche, die der kulturellen Entwicklung einer ganzen Gesellschaft zuträgt. Und ja, wir verstehen, dass ihr eBooks so teuer macht, damit auch ja keiner welche kauft – wir Autoren wissen selbst, wie schwer es ist, liebgewonnene Gewohnheiten aufzugeben und verlangen das von Euch Verlegern auch gar nicht. Wir verlangen von Euch nur, dass Ihr Euch nicht wutig wundert, wenn Autoren lieber Verträge mit Amazon abschließen, als mit Euch, wenn Self-Publisher Euren Job übernehmen und die Ersteller der Inhalte es am Ende tatsächlich einmal sind, die Dank schlanker Strukturen (am heimischen Laptop, ganz ohne Overheadkosten) nicht 10 sondern 40% des Verkaufserlöses für Ihre Arbeit verbuchen.“

Um es auf den Punkt zu bringen: Dr. Cora Stephan hat einem guten Teil der Anwesenden mit wenigen Worten und reichlich Schmackes liebevolle Züchtigung angedeihen lassen, ohne dabei auch nur eine Sekunde so wenig Humor zu haben, wie beispielsweise in Verleger im Publikum, der seine erboste Wortmeldung sinngemäß damit beschloss: „Alles Papperlapapp. Wenn ich mir anschaue, was sogenannte Autoren im Netz alles absondern, weiß ich, dass es ohne die Filterfunktion der Verlage nicht geht.“ Arroganteren Mist kann man kaum verzapfen..

Zu 2.] „Bindet Eure Kunden, zur Not zunächst auch ohne Gegenleistung!“ „Liebe Verlage, liebe Buchhändler, die Preisbindung ist kein Service-Verbot!“ „Wer sich Non-Books ins Geschäft stellt, kann auch gleich auf ein Schild malen: „Wir haben keine Kernkompetenz.“

Diese und dergleichen mehr markige Quintessenzen möchte ich zum Vortrag von Dr. Martin Conrad betont wissen – er hatte die Buchhändler natürlich prompt voll auf seiner Seite und weil ihm das nicht genügte, hat er es sich auch gleich noch mit dem Börsenverein Hauptverband angelegt: „Dem Börsenverein rate ich, sich auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren und wieder verband seiner Mitglieder zu werden, statt zu versuchen, gerade den Marktführern unter eben jenen Konkurrenz zu machen!“ Tosender Applaus! Trug wohl dem Umstand Rechnung, dass der Verband seit längerem in der Kritik steht, weil Markteingriffe wie Libreka! und (ich komme grad nicht drauf, wem es einfällt, bitte Kommentar hinterlassen.. Auslieferung?!) nicht Integration sondern Konkurrenz fördern und einen komplizierten Markt noch zusätzlich verzerren. Obendrein kosten Sie einen Gutteil der Mitgliederbeiträge.

Zu 3.] Christoph Keese hat einfach nur einen tollen, anschaulichen und fundierten Vortrag zum Thema: „Kreative Chancen Dank Tablets, neue Geschäftsfelder, neue Märkte“ gehalten und das Publikum gut im Griff gehabt – unter anderem, weil er mit Smartphone auf die Bühne kam und einen Twitter-Kommunikation über den vorangegangenen Vortrag als Einstieg wählte: Alle im Saal tauschen online schneller Feedback aus, als der Referent von der Bühne ist. Transparente Welt, Meinungsbildung, Informationskultur etc. waren also implizite Themen. „Kuratierung wird in dem Maße wichtiger werden, wie die Informationsflut im Internet wächst.“ Auch er konnte schließlich nicht umhin, kräftig auszuteilen, Schelte zu verteilen und den Anwesenden zuzurufen: kriegt Eure Hintern hoch, sonst machen andere Euren Job.

Mich hat dieser Vormittag mit großen Hoffnungen genährt, dass es Ruck durch unsere Branche gehen möge, der da heißt: Macht Bücher für Leser, nicht für Euer Ego. Nehmt einander ernst ohne elitär-pädagogischen Vorstellungen anzuhaften. Hört auf zu träumen und stellt Euch dem Ernst der Lage: ihr seid ersetzbar und es gibt keine zweite Chance nach der Revolution!

Wer sich den Live-Stream des großen Spaßes anschauen möchte, sei herzlich dazu angehalten: Twitter-Stream von gestern zum munteren Scrollen. Die zwei schon öffentlichen Keynotes hier:

Key-Words von Dr. Cora Stephan [Video-Interview hier: http://www.youtube.com/watch?v=Rde3mtvVD0U&feature=player_embedded ]

Keynote Dr. Markus Conrad

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3 Responses to “Drei Sätze heiße Ohren – die gestrigen Keynotes der Buchtage Berlin”

  1. Katja Splichal says:

    … die gemeinten 55 Thesen finden sich im Übrigen hier:
    http://www.boersenblatt.net/446186/

  2. katja says:

    Ich pflichte Ihnen da völlig bei – es gibt Ausnahmen, tolle Buchhändler und Buchhändlerinnen, die Ihre Arbeit lieben und gut machen. Dass die dann größtenteils keine Zeit mehr haben, auch noch im Sortimenterausschuss für Furore zu sorgen, um nicht zu sagen, aufzuräumen, ist gleichfalls schade wie verständlich!

  3. Jost Renner says:

    Diese Keynotes lassen hoffen, der Branche gehörten und gehören gehörig die Leviten gelesen, allerdings ließen die 55 Thesen zur Zukunft des Buchhandels erwarten, daß man eben nicht lernfähig ist. Buchhandel war immer mein Traumberuf. Daß ich, nicht mehr in der Branche, sagen muß, ich will dahin nicht mehr zurück, ist traurig.

Lass uns doch einen Kommentar da.

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